Staatsoper : Kulissen auf Bestellung

Holz, Holz, Holz: In den Werkstätten sieht es aus wie in einem Sägewerk: Der Bühnenservice fertigt für Opern und Theater.

Christian van Lessen

Es riecht nach Sägespänen und nach Wald. Dann die Farbtöpfe überall: Für die Oper Aida wird eben eine Wandkulisse hergestellt – mit Steinmuster. Große Bühnenteile sind vormontiert, werden später auseinandergenommen, auf Container-Maß gebracht, zur Bühne gefahren. Die Bühne ist nicht hier, dies ist ein Fabrikgelände an der Chaussee-/ Ecke Zinnowitzer Straße in Mitte. Der „Bühnenservice“, der die Kulissen herstellt, ist nicht nur für die Staatsoper Unter den Linden da, auch für die Komische Oper, das Staatsballett. Er ist die zentrale Werkstatt für alle Häuser.

Allein 22 Tischler arbeiten in den Hallen, es gibt eine Lehrwerkstatt, die von der IHK ausgezeichnet wurde. Hier arbeiten Schlosser und Maler. Oder Plastiker, die alles Mögliche können, etwa „Kostüme“ in Form eines Toastbrotes oder eines Spiegeleis. Es gibt sogar eine Schmiede. Große Stahl- und Holzkonstruktionen werden auf Rollen montiert – klassische Theaterwände mit Lattenrahmen aus Stahl oder Sperrholz und Stoff. Immer öfter wird Stahl benutzt, weil er stabiler ist und Holz mittlerweile so teuer. Hendrik Nagel, Produktionsleiter Dekoration, führt mit Stolz übers Gelände. Für gut 50 Produktionen müssen im Jahr die Kulissen gebaut werden, erzählt er. Die Hälfte für Opern und Ballett, die andere fürs Schauspiel. Vier bis sechs Wochen kann der Bau einer Kulisse dauern, und die Bühnenbilder sind jeweils zwischen 20 000 Euro und einer Million wert. Vieles muss gleichzeitig entstehen. „Eine logistische Herausforderung“, sagt Nagel, der meist über Produktionsplänen brütet und alle Premierentermine im Kopf haben muss. Hier ist die Baustelle, die Werkstatt der Kultur, mit großen Hallen auf vier Etagen und einem Lastenaufzug, der einer der größten in Berlin ist.

Um im eigenenHaus Bühnenbilder herzustellen, wie es die Opern und alle Bühnen gern hätten, reicht der Platz nicht. So entstehen phantasievollste Kulissen in einer vergleichsweise nüchternen Umgebung. Mit dem Charme der Staatsoper kann dieses fabrikähnliche, fast marode Areal nicht konkurrieren. Doch die Ausstattungsetats wachsen, der Bühnenservice bekommt bald noch mehr zu tun. Stefan Rosinski, Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin, hofft schon auf mehr Personal. Gut 70 von 217 Mitarbeitern arbeiten allein an der Chausseestraße.

Den Krieg hat das Areal halbwegs überstanden, zu DDR-Zeiten entstand auf dem Hof über dem Bunker ein zweistöckiges Ambulatorium für Bühnenangehörige. Davon gab es viele, allein die Staatsoper zählte 1500; heute sind es nur noch ein Drittel. Die Krankenstation ist heute Lagerraum.

Der Finanzsenator war kürzlich bei einem Besuch von dem Gelände begeistert, studierte alte Akten, die von der bewegten Geschichte des Geländes erzählen: Einst war hier die Tierkadaver-Verbrennungsanstalt, bis von 1939 bis 1941 die zentralen Theaterwerkstätten entstanden. Hitlers Architekt Albert Speer plante mit, unter der Hoffläche entstand ein OP- und Entbindungsbunker. In der DDR wurde das Gelände wieder als zentrale Theaterwerkstatt genutzt, auch für die Staatsoper, das Berliner Ensemble und das Deutsche Theater. Stefan Rosinski hat die Geschichte des Ortes erforscht. Für einen zeitgemäßen Betrieb, sagt er, eigneten sich die drei- bis vier- und fünfstöckigen Fabriketagen nicht. 2006, er war gerade im Amt, hat er gleich begonnen, ein Werkstattkonzept zu entwerfen. Ziel: die vorhandenen Flächen besser zu nutzen. Nun ist ein zweigeschossiger Neubau mit zwei großen Montagehallen an der Rüdersdorfer Straße geplant, 17 Millionen Euro wird er kosten, Fertigstellung: Frühjahr 2010.

Ohne diese bröckelnden Werkstatthallen, die bald ausgedient haben, wäre das Kulturleben der Stadt nicht denkbar. Vielleicht sorgt sich deshalb der Stiftungsdirektor darum, eine „sinnvolle Nachnutzung“ des Geländes zu finden – eventuell als neuer Standort für die Schauspielschule Ernst-Busch. Das Land Berlin hält jedenfalls schon ein wachsames Auge darauf. Wachsam wird es vielleicht auch bald vom Bund beobachtet: Schräg gegenüber entsteht die Zentrale des BND. Christian van Lessen

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