Berlin : Staatsoper: Opfer für die Oper

Jörn Hasselmann

Die Staatsoper wirbt mit drastischen Formulierungen um Geld: "Es brennt", heißt es auf einem Flugblatt der Künstler, das jetzt bei den Vorstellungen verteilt wird, "Beihilfe zum Mord" steht auf einer Postkarte mit beigelegtem Überweisungsformular zur "Spende für Macbeth". Damit will der Förder-Verein das "blutrote Bühnenbild" für die Aufführung von Verdis Macbeth sammeln, die schon in zwei Wochen Premiere hat. Pikant ist, dass gerade vor zwei Wochen der Zwei-Millionen-Segen der Lottostiftung bekannt wurde: Als "Zuschuss zur Finanzierung der Neuproduktionen Don Giovanni und Macbeth". Die Staatsoper hält ihre Geldsuche für "völlig normal". Intendant Georg Quander sagte dem Tagesspiegel, es gebe im kommenden Jahr ein 2,3-Millionen-Mark-Loch im Haushalt: "Die Stimmung ist explosiv." Heute will der Unternehmer Peter Dussmann seine Initiative gegen die Opern-Sparpläne vorstellen. Das Motto: "Weltklasse statt Bezirksliga."

Nicht nur Protest-Postkarten und Überweisungsformulare verteilt das Opernhaus Unter den Linden. Zusätzlich zu der Anzeigenkampagne in Tageszeitungen bekamen 40 000 Menschen in der letzten Woche Post. Auf auffällig teurem Briefpapier protestierten die Sprecher der Künstler gegen die Sparpläne von Kultursenator Stölzl. Beigelegt war ein Protest-Schreiben, das die Empfänger unterschrieben an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses schicken sollten. Intendant Quander betonte gestern, dass Briefpapier und Porto vom Freundeskreis bezahlt wurden. Angeschrieben wurden alle, die jemals bei der Staatsoper eine Karte bestellt hatten - in Berlin, Deutschland und der ganzen Welt. Die Briefe seien in der Freizeit eingetütet und zugeklebt worden, sagte Quander, sogar in der Kantine.

Erfolglos ist die Staatsoper weiterhin bei der Suche nach Sponsoren. Dazu hatte die Oper vor drei Jahren extra den bekannten TV-Moderator Andreas "Leo" Lukoschik angestellt. "Er ist sehr aktiv, aber leider nicht erfolgreich", sagte Quander. Lukoschik, dem eine PR-Firma gehört, arbeite auf Provision, bekomme also kein festes Gehalt. Zustande gekommen sei allein eine Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp-Verlag bei der Herstellung der Programmbücher.

Firmen, die Millionen geben, seien selten in Deutschland, klagte Quander. Fast hätte es die Staatsoper im vergangenen Jahr geschafft - aber eben nur fast. Trotz bereits unterschriftsreifer Verträge sprang der VW-Konzern im letzten Moment ab. Mehrere Jahre lang wollte VW Millionen in das Haus Unter den Linden pumpen. "An uns lag es nicht", sagte Quander gestern.

Als der amerikanische Milliardär Alberto Vilar in diesem Sommer seine Spendenbereitschaft für die Berliner Opern angedeutet hatte, verzichtete die Staatsoper auf eine Kontaktaufnahme. Götz Friedrich von der Deutschen Oper bekundete immerhin in einem Fax sein Interesse.

Konkrete Vorstellungen, wo in den kommenden Jahren gespart werden könnte, hat die Intendanz des Hauses nicht. "Beim Personal sind wir ziemlich am Ende", sagte Quander. Von 1130 Mitarbeitern im Wendejahr 1990 sind 300 gegangen. Und unter den verbliebenen 830 Künstlern und Arbeitern sei "die Stimmung der Wendezeit wieder erwacht", droht Quander. Man wolle sich nicht mehr alles gefallen lassen, was die Politik vorgibt.

Die von Kultursenator Stölzl vorgestellten "Maßnahmen zur Bühnenstrukturreform" werden von der Staatsoper rundweg abgelehnt. Stölzl will die beiden großen Opern, die Staatsoper im Osten und die Deutsche Oper im Westen, zu einem Theater fusionieren. Dabei sollen die Orchester, Chöre und Ballettensembles reduziert werden. So sollen die Orchester nach Darstellung der Staatsoper um 77 Stellen verkleinert werden, die Chöre um 40 und das Ballett um 16. Damit ginge die "künstlerische Identität und Unverwechselbarkeit in Klang und Stil" verloren, heißt es in dem Brief an die Besucher der Oper. Zukünftig gebe es in Berlin nur noch "einen anonymen Künstlerpool". Diese Entwicklung sei gefährlich und falsch, heißt es in dem Brief der Künstler. Am Mittwoch wurde den Gästen der Abendvorstellung ein Flugblatt in die Hand gedrückt mit der Überschrift "Es brennt", garniert mit dem Bild des in Flammen stehenden Opernhauses.

Dabei sieht Quander in diesem Jahr noch nicht einmal "aktuellen Grund zum Sparen". In diesem Jahr trägt das Land Berlin 82,5 Millionen Mark des 113-Millionen-Etats. Nur 670 000 Mark steuert der Förderverein um Peter Dussmann bei. Im kommenden Jahr gebe es wegen der Tariferhöhungen ein Loch von 2,3 Millionen Mark. Das soll dann 2002 gestopft werden: durch ein lukratives Gastspiel in Japan. Voraussetzung sei dabei, dass das Land seinen Zuschuss nicht kürzt. Das sei aber noch ungewiss, sagte Quander.

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