Stadion der Weltjugend : Vor 25 Jahren musste die Arena weichen

Anfang der neunziger Jahre träumte Berlin von Olympia 2000. Deswegen musste an der Chausseestraße die Abrissbirne ran. Später musste umgeplant werden.

DDR-Geschichte. Warteschlange vor der Kasse des Stadions der Weltjugend irgendwann in den 80er Jahren.
DDR-Geschichte. Warteschlange vor der Kasse des Stadions der Weltjugend irgendwann in den 80er Jahren.Foto: ullstein bild

Alles war einmal und ist heute wie weggepustet: dieses Stadion. Die Kneipen rund um die Chausseestraße. Die Zapper hinterm Tresen. Die Mauer. Das große Fußball-Theater rund um die Zickenwiese. Unauffindbar. Vor 25 Jahren, Mitte Juni 1992, begann der Abbruch vom einstigen „Stadion der Weltjugend“ am nördlichen Ende der Chausseestraße. Wer erinnert sich noch an diesen Bau, seine Geschichte, deren Ende und einen geheimnisvollen Neubeginn? Keiner.

„Fragen Sie doch mal die alten Frauen mit den Hunden, die hier öfter im Späti sitzen“, sagt der smarte Designer aus einer Maßschneiderei. Späti? Junger Bart- Mann, aber keine alte Frau, kein Hund. Auch keine Kneipe mit Bier und Sky-Anschluss, stattdessen Multikulti-Studentinnen mit „fine cousines“ und „Healthy Lunch“, was immer sich dahinter verbirgt. Ein Café nennt sich „Schrittfahren“ (und meint die Radler auf dem Gehsteig), ein Laden betreibt Stressbewältigung mit Hatha-Yoga. Das „Jadore Artcafé“ wirkt wie eine moderne Wohnküche, die Belegschaft ist so jung, 1992 war sie wohl noch gar nicht auf der Welt.

Eine Olympiahalle sollte 15.000 Plätze bieten

1992. Das ist unser Aufhänger. Da schrieben wir über den Abriss des ehemaligen „Stadion der Weltjugend“ vor nunmehr 25 Jahren: „Auf dem Areal sollen eine Olympiahalle für 15.000 und zwei kleinere Hallen gebaut werden“. Der Schutt wurde geschreddert, die Halle nie gebaut. Es gab keine Olympiade für Berlin, und man versprach, dass auf dem brachliegenden Gelände, auf dem zeitweise Golfbälle flogen, Wohnungen entstehen werden – mit Wohnungen stellt man hierzulande noch immer jeden ruhig.

Aber jetzt verstecken sich die „Wohnungen“ hinter Stacheldraht und Gittern, die genormte Langeweile blickt aus Fensterhöhlen – auf der Zickenwiese von einst hat der Bundesnachrichtendienst seine Beton-Zentrale hingeklotzt. Ein paar Kiefern erinnern daran, dass es auf der Welt noch Wald und Wiesen gibt, ein riesiger Findling aus Eisen liegt, hart wie Kruppstahl, im Gelände, „det soll wohl Kunst sein“, sagt ein Passant und guckt misstrauisch auf die allgegenwärtigen Kameras.

Noch lassen die Geheimdienstler auf sich warten

Doch die Schlapphüte, auf die die Bistroteams sehnsüchtig warten, scheinen noch keinen Bock auf Berlin zu haben – nicht eine Gardine zittert auf der anderen Straßenseite, wenn da jemals welche an den Fenstern hängen sollten. Stattdessen verheißt die Bundeswehr auf einem Plakat, das über fünf Stockwerke eine Haussanierung verdeckt: „Du kannst an Käfern schrauben oder am Tiger, Leopard und Puma die Bundeswehrkarriere starten. Mach, was wirklich zählt“. Abwerbung direkt vor James Bonds Gartenzaun?

Gegenwart. Die BND-Zentrale an der Chausseestraße in Mitte.
Gegenwart. Die BND-Zentrale an der Chausseestraße in Mitte.Foto: Maurizio Gambarini/picture alliance / dpa

Jedenfalls setzen die Nachrichtendienst-Bauten in ihrer öden Langeweile die frühere Karriere der Behausungen an diesem Ort munter fort. Hier, in der Oranienburger Vorstadt, war einst ein Garde-Füsilier-Regiment stationiert. Für die Berliner war dies die „Maikäferkaserne“, da jährlich im Frühling, als die Maikäfer flogen, die Mannschaften nach Potsdam zum Exerzieren ausschwärmten. 1915 diente hier ein Hans Leip, der vor lauter Langeweile in der Wachstube den späteren sehnsuchtsvollen Welthit von Kaserne, Laterne und Lilli Marleen schrieb.

Das Stadion entstand in einer Rekordzeit von 120 Tagen

1950 wurde in der Rekordzeit von 120 Tagen ein Stadion für 70.000 Zuschauer erbaut und vom Namensgeber Walter Ulbricht zum Deutschlandtreffen der Freien Deutschen Jugend eingeweiht. Der Volksmund fand den Namen „Zickenwiese“ viel passender, beim Barte des Proleten. Das Stadion tobte, als die Radrenner der Friedensfahrt kamen, der DDR-Fußball-Pokal wurde an der Chausseestraße vergeben, und die Lokalderbys zwischen dem BFC Dynamo und Union waren ein Leckerbissen. Die Stasi fuhr Sonderschichten, ihr Boss schrie auf der Tribüne: „Nun schieß doch!“, und die durch ihr negativ-dekadentes Aussehen erkennbaren Union-Fans marschierten selbst bei einer Niederlage im Triumphzug durch die Chausseestraße und skandierten an der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik: Deutschland! Deutschland! Wer dabei war, erinnert sich ans Gänsehaut-Feeling. Schon damals, weit vor 1989, wurden die rot-weißen Elemente mit ihren Kindern und Fahnen gefilmt. Na und?

Die Zickenwiese verschwand

Mit dem Stadion wurden vor nunmehr 25 Jahren Tribünen abgeräumt. Man hoffte, Reste vom Stadtschloss zu finden. Die Zickenwiese ist verschwunden. Die Erinnerung lebt nur noch bei der Erlebnis-Generation. Alle anderen sollen wissen, was wir hier im Schatten der nahen Mauer so getrieben haben. Einfach gelebt.

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