Stadt als Werbefläche : Bezirke ärgern sich über Guerilla-Marketing

Viele Unternehmen hinterlassen ihre Botschaften auf Gehwegplatten – dabei dürfen das doch eigentlich nur Kinder.

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Jeden Tag wird die Werbung von hunderten Füßen getreten. Ab und zu aber bleibt jemand in der Unterführung am Alexanderplatz stehen, zückt sein Smartphone und fotografiert den QR-Code auf den Platten. Seine Neugier führt ihn auf eine Internetseite der Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei. „Wir wollen die Leute an einem Ort überraschen, wo sie nicht damit rechnen“, erzählt ein Brauerei-Sprecher. So kämen viele Menschen schnell auf die Internetseite des Unternehmens aus Alt-Hohenschönhausen.

Eine schöne Überraschung ist das in der Tat, zum Ärger der Bezirksämter. Denn immer mehr Unternehmen entdecken Fußwege, Straßen und Plätze als Werbefläche. Am Checkpoint Charlie hat eine Parfümerie auf den Gehweg Pfeile zu ihrem Shop gemalt, ein Laden im Alexa pflasterte zur Neueröffnung die ganze Umgebung mit Aufklebern zu und selbst die Jugendorganisation der Umweltstiftung WWF rückt derzeit mit Schablonen aus, um überall Abdrucke von Wolfspfoten aufzusprühen. „Die Nachfrage hat stark zugenommen“, sagt Steffen Ahlers, der vor einem Jahr die Marketingfirma Berlinguerillas gründete, die ihren Sitz im Grünen hat: in Ahrensfelde, gleich hinter der Stadtgrenze. Ahlers, 30, sagt: „Die Unternehmen wollen auffallen. Die Zielgruppe soll sich mit der Werbung aktiv beschäftigen.“

Die Unternehmen kupfern von der Urban Art-Szene ab:

Berliner Street Art
"Wer die Wahrheit gegen die Herrschenden sagt, wird verfolgt ..." Ein neues Karl-Marx-Werk von Street-Art-Künstlerin Marycula am Kino Intimes in Friedrichshain . Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Berliner Street-Art-Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de! - Foto: MaryculaWeitere Bilder anzeigen
1 von 734Marycula
21.07.2017 13:19"Wer die Wahrheit gegen die Herrschenden sagt, wird verfolgt ..." Ein neues Karl-Marx-Werk von Street-Art-Künstlerin Marycula am...

Mit klassischen Werbespots und Bannern im Internet würden viele Menschen gar nicht mehr erreicht, erklärt Thomas Patalas, der mehrere Bücher über Guerilla-Marketing geschrieben hat. Und wenn nun überall Sticker wild kleben und Graffiti auf dem Boden zu sehen sind, sei auch dabei schnell eine Sättigung erreicht. „Das kann man gar nicht mehr alles wahrnehmen.“ Viele Menschen seien davon genervt. „Es gibt nur noch wenige werbefreie Refugien: Wälder, Friedhöfe, Schulhöfe, Kirchen – mal sehen, wie lange noch“, beklagt Patalas.

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