Berlin : Stadt der Schlingel

Friedrich II. weilte lieber in seinem Arkadien Potsdam. Berlin prunkte allenfalls am Brandenburger Tor – der große Rest war verdreckt. Den Bewohnern gab der König Arbeit, sonst bekamen sie ihn kaum zu sehen.

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Langer Schatten. Längst reitet er mitten in Berlin nahe seiner ehemaligen Prachtbauten: Friedrich II. als Statue, gefertigt vom Schadow-Schüler Christian Daniel Rauch und 1851 enthüllt. Foto: Thilo Rückeis
Langer Schatten. Längst reitet er mitten in Berlin nahe seiner ehemaligen Prachtbauten: Friedrich II. als Statue, gefertigt vom...

Der kleine Große Friedrich hat die Avenue Unter den Linden zur Attraktion gemacht, den Tiergarten zum Volkspark erklärt und seinem Chefarchitekten den Bau einer neuen Oper anvertraut – die steinernen Zeugen fritzischer Regentschaft erzählen noch heute ihre Geschichte. Doch was war mit jenen, die Friedrich regierte? Die für Preußens Gloria zu Felde zogen oder die das Forum Fridericianum errichteten? Haben die Wäscherinnen Tagebuch geführt? Wie lebten die Handwerker mit ihren Zünften? Wer kümmerte sich um den Dreck auf den holprigen Straßen? Und den Gestank in einer Stadt mit über 100 000 Einwohnern, für die die Kanalisation noch nicht erfunden war? Zeitgenossen haben die Zustände in Büchern und Briefen beschrieben. So wurde bekannt, wie unsere Vorfahren als Untertanen Seiner Majestät lebten und wie mit ihnen verfahren wurde.

„Die berlinischen Straßen sind jetzt tiefer als die zu Madrid und es ist unmöglich durchzugehen, ohne daß man durch Ungeduld gezwungen wird, sich Wagen und Pferde zu wünschen“, bemerkt Anna Louisa Karsch, die als „Karschin“ berühmt gewordene Dichterin und Salon-Dame anno 1764. Schon immer musste sich die städtische Administration um Reinlichkeit auf Straßen und Plätzen kümmern, in einer Verordnung von 1765 räsoniert der damals Regierende Bürgermeister als Stadtpräsident und Polizeidirektor in einer Person: „Da alles Erinnerns und Verbiethens von Haus zu Haus ohnerachtet allerhand Unflath aus den Häusern, auch Unreinigkeiten aus denen Küchen, fener, zerbrochen Glaß und dergleichen auf die Straßen noch immerzu geworfen wird, so jedoch jeder Eigenthümer selbst wegbringen zu lassen schuldig ist. So wird anbefohlen, dass jeder Wirth mit 2 Rthlr. sofort bestraft wird, wenn er den Dreck nicht beseitigt. Solten sich diejenigen Weiber, welche gewöhnlich nach 10 Uhr die Nachteymer nach dem Wasser tragen sich erfrechen, solche auf die Strasse auszugießen, so hat selbige zu gewarten, daß sie öffentlich ausgestellet und gepeitschet werden.“ Der Müll kam vor die Tore der Stadt, auch die Felder wurden damit gedüngt.

Im Magistrat gab es vier Ressorts: Justiz, Polizei, Wirtschaft und Finanzen. Zum Ende der Regierungszeit des Alten Fritz hatte die Stadt schon 150 000 Einwohner, davon gehörten fast 40 000 zur Garnison. „Menschen, Pferde, Wagen, Geschütz, Zurüstungen, es wimmelt von allem“, schreibt Goethe am 17. Mai 1778 an Charlotte von Stein. Sechs Tage lang hatte der Dichterfürst als junger Legationsrat seinen Großherzog Carl August begleitet, Kupferstecher Chodowiecki, Porträtmaler Graff, die Porzellanmanufaktur und eine Wollfabrik besucht – und Prinz Heinrich, der gewissermaßen seinen in Schlesien weilenden Bruder, den König, vertrat. „Durch die Stadt und mancherlei Menschen Gewerb und Wesen hab ich mich durchgetrieben ...“

Ein anderer Chronist ist enttäuscht: Wer nicht gerade am Potsdamer oder Brandenburger Tor die Stadt betritt, findet „eine gewöhnliche unbedeutende Landschaft, menschenleere, schlecht gepflasterte Straßen mit stinkenden Rinnsteinen, einzeln stehenden unansehnlichen Häusern zwischen denen sich Gärten oder gar Felder hinzogen“. Erst, wenn die Leute in die Königstraße kamen und dort das rege Verkehrsleben schauten, wenn sie die Friedrichsstadt, Cölln und den Friedrichswerder mit den herrlichen Prachtgebäuden betraten, begriffen sie, dass sie in der preußischen Residenz waren.

Die Bewohner bekamen ihren Herrscher nicht allzu oft zu Gesicht, Friedrich liebte sein Sanssouci mehr als das raubeinige Berlin. Die Einheimischen verdankten seinem Wunsch, etwas Edles, Bleibendes als steinernes Arkadien zu hinterlassen, Arbeit, Lohn und Brot. Neben den Handwerkern arbeiteten zahlreiche Manufakturen für Wolle, Seide und Porzellan sowie Kattundruckereien an der Spree.

„Besonders die Friedrichstadt ist sehr regelmäßig und schön gebaut, und der jetzige König hat alles angewandt, diesen Teil der Stadt auszeichnend und schön zu machen“, lobt August Knüppel in einer „Charakteristik von Berlin“ von 1785. Aber „dahingegen gibt es elende Gassen – finster, eng, daß, wenn ein Wagen durchfährt, die Fußgänger so lange haltmachen müssen, und dann so schmuzig sind, daß man eine schlechte Idee von der großen Königsstadt bekommt“. Überhaupt habe Berlin für einen Fremden „ein klägliches Ansehen, denn man findet elende, gestützte Häuser, wüste unbebaute Plätze, große Misthaufen vor den Türen, und die Bewohner tragen das Zeichen der äußersten Dürftigkeit auf ihrer Stirn“. Kommt man hingegen zum Brandenburger und Potsdamer Tor, „so ruht das Auge mit Wohlgefallen auf den schönen Gassen und noch schöneren Palästen“, schwärmt der Herr Knüppel.

Es gibt reichlich Beispiele für Friedrichs Liebe zum Detail, die er in seinen in merkwürdiger Orthografie abgefassten Randverfügungen auf Briefen und Eingaben hinterließ. Die Berliner kommen dabei ziemlich schlecht weg. Als eine Stelle in der Bauverwaltung von Minden mit einem Berliner Beamten besetzt werden soll, schreibt der König: „Nichts aus der berlinischen Kammer, es Seindt lauter Schlüngels.“ Zum Gesuch eines Maurergesellen, sich in Berlin niederzulassen, antwortet Friedrich: „Wohr nicht Meisters genung Seindt kan man ihm an Nemmen wohr er nicht faul wie die berliner Seindt ist.“ Und Baumeister Knobelsdorff bekommt sein Fett weg, weil er einen Bauplan nicht fristgemäß eingereicht hat: „Ich komm Mein Tage nicht mit Ihm aus der Stelle. Er executiret nichts, wie Ich es haben will, und er ist faul wie ein Artilleriepferd.“

Wenn der König mit Einheimischen sprach, dann berlinerte er, sagte „würklich“ oder „mang“ für darunter und verwechselte mir und mich. Als sich einmal Bruder Heinrich über den schlechten Geschmack der Berliner beklagt hatte, pflichtete ihm Friedrich sofort bei: „Glaube mir, unsere guten Berliner sind Truthähne ohne Geschmack und Herz; was ihnen Spaß macht sind Laterna-magica-Bilder und Plattheiten. Das Schöne liegt ihnen fern. Die Verse Racines lassen sie kalt und ein Hanswurst, der ihnen den Hintern zeigt, dünkt ihnen erhabener als die ,Äneis’. Ich weiß nicht, was ich dabei tun soll. Vielleicht wird dieser allgemeine Mangel an Geschmack durch höhere Bildung mit der Zeit verschwinden. Bei meinem Alter werde ich diesen glücklichen Wandel nicht mehr erleben; ein Volk läßt sich nicht im Handumdrehen bilden.“

Wenn Majestät wüssten . . .

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