Stadt-Statistik : Berlin tut gut

Die Berliner werden statistisch immer älter – wegen der gesunkenen Säuglingssterblichkeit. Krank wird hier, wer wenig Geld, Bildung und Arbeit hat. Und die Oberschicht? Sie hat klassenspezifische Leiden.

Ralf Schönball
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Die gute Nachricht ist: Die Berliner werden immer älter. Ihre Lebenserwartung hat sich seit dem Jahr 2000 um ein Jahr erhöht. Die schlechte Nachricht ist: Berlin ist eine Klassengesellschaft. Das oberste Fünftel der Berliner Gesellschaft lebt neun Jahre länger als das unterste. Menschen mit höheren Einkommen und besserer Bildung erkranken außerdem seltener, weniger lang und weniger schwer. Und weil sich die Stadt immer stärker in gute und schlechte Teile aufspaltet, fällt inzwischen sogar die durchschnittliche Lebenserwartung der Bewohner von Bezirk zu Bezirk auseinander: Wer in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte oder Spandau wohnt, stirbt drei Jahre früher als Berliner aus grünen Quartieren wie Treptow-Köpenick (83,5 Jahre) oder Steglitz-Zehlendorf (82,6 Jahre).

LEBENSERWARTUNG

Für alle Berliner aller Bezirke gilt: Würden sie gesund leben, hätten sie ein Jahr länger zu leben. Dazu müssten sie die „vermeidbaren Todesursachen“ umschiffen: den vom Rauchen verursachten Krebs, Krankheiten der Leber wegen erhöhten Alkoholkonsums sowie Herz- und Kreislaufkrankheiten wegen zu viel zu fettem Essen. So aber liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der Berliner (75,3 Jahre) und Berlinerinnen (81,1 Jahre) geringfügig unter dem deutschen Durchschnitt (75,6 und 81,3 Jahre). Der geringe Abstand ist vor allem der guten Versorgung von Neugeborenen zu verdanken. Würde man an den Säuglingen die Gesundheit der gesamten Bevölkerung bemessen, wäre Berlin bundesweit spitze. Nur drei bis vier von 1000 Neugeborenen sterben jährlich in der Stadt, weniger als in jedem anderen Bundesland.


ERNÄHRUNG
Über Gesundheit und Krankheit der Erwachsenen entscheiden bereits die Jugend- und Schulzeit: Zwei Drittel der Schüler bewegen sich zu wenig, die Mädchen noch weniger als die Jungen. Das geht aus einem „Spezialbericht“ des Gesundheitssenats und Befragungen von Jugendlichen hervor. Die Verfasser sind besorgt, wegen des „enorm hohen Medienkonsums (TV und PC)“. In einem Drittel der Haushalte läuft in großen Teilen der Freizeit mindestens ein Unterhaltungsgerät. Sogar während der Mahlzeiten seien Fernsehen oder Computer spielen „relativ weit verbreitet“. Die Folgen sind schwache Sprachleistungen bei der Einschulung und Bewegungsmangel. Falsche Ernährung kommt hinzu. Beides gilt als wichtige Ursache für die am häufigsten tödlich verlaufenden Leiden überhaupt: Erkrankungen an Herz und Kreislauf.

Bei der Ernährung liegt schon im Kindesalter vieles im Argen: Mehr als die Hälfte der Berliner Schüler frühstückt nicht vor der Schule und nur acht Prozent essen mehrmals täglich Obst und Gemüse. Fast die Hälfte aller Berliner Kinder greift nach Cola, Schokolade, Chips und Keksen, ohne die Eltern um Erlaubnis zu fragen. Die falsche Ernährung und die oft schlechte Qualität der Mahlzeiten (Fast Food, fettes und süßes Essen) schlagen sich auf Körpergewicht und Wohlbefinden nieder. Bereits im Vorschulalter haben viele Kinder Übergewicht – und deren Zahl nimmt seit Mitte der achtziger Jahre stark zu, so die Forscher.

Viele dicke Kinder stammen aus bedürftigen Familien. „Früher war Unterernährung ein Kennzeichen von Armut, heute ist es Übergewicht“, sagt Carola Gold vom Verein Gesundheit Berlin. Und schlechte Zähne. Im Bezirk Mitte ist das Gebiss jedes dritten Kindes behandlungsbedürftig – in Steglitz-Zehlendorf nur bei jedem fünften Kind. „Karies und Übergewicht treten in Quartieren mit geringem Sozialindex besonders oft auf“, sagt Gerhard Meinlschmidt, Herausgeber des Landesgesundheitsberichtes. Schwächen bei Motorik und Sprachentwicklung kommen oft hinzu.


LEBENSQUALITÄT
Weitere Gesundheitsrisiken treten in der Pubertät auf: Rauchen und Alkoholkonsum. 16 Prozent der Berliner Jugendlichen der fünften bis siebten Klasse geben an, Raucher zu sein. Unter den 12- bis 18-Jährigen rauchen mehr Mädchen als Jungen. Bier und Wein konsumiert die Mehrheit gelegentlich. Jeder neunte bis zehnte Schüler trinkt teilweise täglich auch ohne sozialen Anlass und beteiligt sich am Rauschtrinken, Mädchen übrigens nicht weniger als Jungen. Das schlägt sich auf die Lebensqualität der Berliner Schüler nieder, sie ist geringer als im deutschen Durchschnitt. Das fand die Gesundheitsverwaltung heraus, als sie Jugendliche nach ihrem körperlichen und psychischen Wohlbefinden fragte sowie nach ihrem Verhältnis zu den Eltern, zu Gleichaltrigen und zur Schule. Dabei stellte sich heraus, dass das Großstadtleben Jugendliche mit zunehmendem Alter immer stärker beeinträchtigt: Im Kindesalter ist die Lebensqualität am höchsten, unter Schülern der höheren Klassen nimmt sie drastisch ab. Das gilt jedoch nicht für alle Kinder in gleichem Maße. Auch hierin ist die Stadt nach sozialer Herkunft gespalten: Das Wohlbefinden von Kindern aus Haushalten mit höheren Einkommen und Bildung ist am besten. Schüler an Gymnasien fühlen sich wohler als an Real- oder Hauptschulen.

Bemerkenswert: Herkunft und Nationalität spielen keine Rolle für das Wohlbefinden. Die Integration hinterlässt aber unter Heranwachsenden nicht-deutscher Herkunft Spuren: Sie fühlen sich häufiger psychisch belastet als deutsche. Die größeren Hürden bei der Sprachbeherrschung erschweren den Erwerb von Schul- und Ausbildungsabschlüssen. Deshalb sind Ausländer später öfter arbeitslos oder müssen eine „gesundheitlich beeinträchtigende berufliche Position“ einnehmen, wie es im Berliner Basisbericht zum Gesundheitswesen heißt. Die Folge ist ein höheres Armutsrisiko – und für alle Berliner mit geringen Einkommen gilt: Sie ernähren sich überdurchschnittlich oft schlecht.

Die Zahl der „vermeidbaren Todesursachen“ unter Ausländern stieg um 17 Prozent seit dem Jahr 1995 – unter Berlinern ging sie in diesem Zeitraum zurück. Ausländische Männer leiden vorrangig unter Krankheiten, die durch schädliches „Gesundheitsverhalten“ ausgelöst werden: Rauchen, körperliche Inaktivität, kalorien- und fettreiche Ernährung. Ausländische Frauen erkranken dagegen häufiger an einer Depression. Deshalb haben Ausländer ein um 40 Prozent höheres Frühverrentungsrisiko. Schuld daran ist aber heute nicht ein gesundheitsgefährdender oder körperlich anstrengender Arbeitsplatz, sondern Arbeitslosigkeit – sie macht krank. Der Herausgeber des Gesundheitsberichts, Gerhard Meinlschmidt, und Netzwerkerin Carola Gold betonen aber beide, dass die Spirale aus Armut und schlechter Gesundheit nicht der geografischen, sondern der sozialen Herkunft zu schulden ist. So haben nämlich nicht ausländische Männer, sondern ärmere deutschstämmige Männer das höchste Sterberisiko.


LEBENSSTIL

Die wichtigste Todesursache für alle unter 65 Jahren: Chronischer Alkoholkonsum und vor allem Rauchen sowie dessen Folgen, Lungen- und Brustkrebs. „Das Rauchen tötet mehr Menschen als Verkehrsunfälle, Aids, Alkohol, illegale Drogen, Morde und Selbstmorde zusammen“, so der Gesundheitsbericht. Rauchen erzeuge Krebs sowie Herz- und Gefäßkrankheiten. Zwei der häufigsten Todesursachen in Berlin überhaupt. Die Fälle von Lungenkrebs gehen laut Gesundheitsbehörde zwar zurück, weil seit 1998 etwa 20 Prozent weniger Männer daran erkrankten. Dafür stiegen die Fälle von Raucherkrebs unter Frauen in dieser Zeit um 13 Prozent. Dennoch ist das Risiko der Berlinerinnen, vorzeitig zu sterben, geringer als das der Berliner. Jeder dritte Mann stirbt, bevor er das 65. Lebensjahr erreicht, aber nur jede achte Frau. Und wieder sind Bezirke mit geringem Sozialstatus am stärksten betroffen: Krebs bricht am häufigsten in Neukölln, Spandau, Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow aus.

Erschreckend: Jeder zweite vorzeitige Todesfall in Berlin wäre vermeidbar und jeder zehnte Todesfall überhaupt. Als „vorzeitig“ gilt ein Tod vor dem 65. Lebensjahr. Jährlich sterben rund 3000 Berliner an den 29 vermeidbaren Todesursachen – 1200 Frauen und 1800 Männer. Über drei Viertel der vorzeitigen Todesfälle stehen wiederum in Zusammenhang mit der „sozialen Lage“, schreiben die Forscher. Wer wenig Geld und wenig Bildung hat, stirbt früher.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Gefahr, auf Berliner Straßen in einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt zu werden, ist für Menschen aus allen Schichten gleich groß. Im vergangenen Jahr starben so 56 Menschen. Eine weitere Ausnahme von der Regel, wonach die soziale Lage über Krankheit und Tod entscheidet, liefert Treptow-Köpenick: In dem Bezirk mit der zweitbesten Sozialstruktur Berlins haben Bewohner ein deutlich erhöhtes Risiko, an den Folgen von Alkoholmissbrauch zu sterben. Und es gibt sogar zwei typische Krankheiten der Oberschicht: Allergien und Brustkrebs – diese brechen am häufigsten in Quartieren mit hohem Sozialstatus aus.


TODESURSACHEN

Und woran erkranken oder sterben die Berliner am häufigsten? An Herz-Kreislauf-Beschwerden. In den 71 Berliner Krankenhäusern wird keine Diagnose häufiger gestellt: rund 110 000-mal im Jahr 2007. Dies gilt für alle Altersgruppen. Der Lebenswandel ist schuld daran. Zu den falschen Ernährungsgewohnheiten kommt Stress hinzu. Die zweithäufigste Todesursache sind „bösartige Neubildungen“, die Volkskrankheit „Krebs“. Die dritthäufigste Todesursache ist in den verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich: Wer 65 Jahre oder älter wird, muss vorrangig mit einer tödlichen Erkrankung des Atmungssystems rechnen. Im „besten Alter“, zwischen 45 und 65 Jahren, sollte man auf sein Verdauungssystem achtgeben: An dessen Erkrankung sterben zehn Prozent aller Berliner dieser Altersgruppe. Unter den insgesamt gestellten Diagnosen in den Krankenhäusern der Stadt stehen „Krankheiten des Verdauungssystems“ an dritter Stelle.

Verletzungen, Vergiftungen oder andere Folgen „äußerer Ursachen“ gefährden vor allem die Gesundheit von Heranwachsenden: Zwölf Jugendliche (bis 15 Jahre) starben daran im Jahr 2007. 160 Todesfälle gab es insgesamt in dieser Altersgruppe. Dagegen ist für Berliner, die 45 Jahre oder älter sind, die Gefahr größer, ohne fremdes Verschulden zu sterben, etwa weil sie im eigenen Haushalt stürzen. Auch die Zahl der Selbstmorde nimmt mit den Jahren ab: Im Alter von 15 bis 45 Jahren hatten 15 Prozent aller Verstorbenen Hand an sich gelegt. Nur noch zwei Prozent sind es bei den 45- bis 65-Jährigen und nur bei 0,5 Prozent der über 65-Jährigen steht ein Suizid im Totenschein.

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