Stadt, Strand, Fluss : Spree? Na klar!

Dieser Fluss ist wie Berlin: beliebt, vielseitig und nicht ganz sauber. Alle zieht es ans Wasser, manche wollen sogar ganz eintauchen. Erkundungen entlang der Ufer.

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Mediaspree
Das Großprojekt Mediaspree nimmt sehr langsam Gestalt an. Im Zentrum wirkt die O2-World noch immer wie ein kolossaler Fremdkörper....Foto: Dirk Laubner

Es ist noch ein wenig kühl und windig, das Wasser im Osthafen kräuselt sich, Ralf Steeg hat seine Jacke geschlossen. Aber er fühlt sich sehr wohl. Endlich, nach Jahren des Kampfes mit Paragrafen und Behörden, nach zahllosen Anträgen, Sitzungen und viel Überzeugungsarbeit, hat der Ingenieur in dieser Woche einen erlösenden Brief erhalten. Jetzt kann es losgehen. Und das, was er vorhat, ist eine kleine Sensation.

Ralf Steeg, 48, liebt die Spree. Sie ist Teil seines Lebens, sagt er. Und er will sie verändern, sauberer machen – so sauber, dass man wieder in ihr schwimmen kann, wie vor hundert Jahren, als es allein im Stadtgebiet 30 Badestellen gab. „Spree 2011“ heißt seine Initiative, und der Startschuss soll hier im Osthafen fallen, direkt neben MTV und Viva. 24 große Behälter werden sie in den kommenden Monaten in die Spree setzen. Man wird sie begehen können, obendrauf sind Cafés geplant. Das Wichtigste aber: Wenn bei starken Regenfällen die Kanalisation überläuft, was jährlich etwa 30 Mal passiert, fließt das Abwasser künftig nicht mehr ungeklärt in die Spree, sondern in die Behälter. Das wird ein Riesenschritt, sagt Steeg. Damit die Stadt endlich den Fluss bekommt, den sie verdient.

Entlang der Spree
330696_3_100406spree_liegestuehle_ddp.jpgWeitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: ddp
06.04.2010 13:56Die Spree ist wie Berlin: Vielseitig, beliebt und nicht ganz sauber. Alle zieht es ans Wasser. Und weil jetzt der Frühling da ist...

Auf 45 Kilometern fließt die Spree durch Berlin, je nach Jahreszeit braucht das Wasser mal acht Tage, mal mehrere Wochen, um vom Müggelsee bis nach Spandau zu strömen, wo die Spree in die Havel mündet. Lange wurde sie vernachlässigt, sagt Ralf Steeg. Aber das ändert sich. Man kann die Anzeichen überall sehen: Da sind die vielen Ausflugsdampfer, das knappe Dutzend Strandbars, das sich entlang der Spree angesiedelt hat, der Ausbau des Osthafens, die hitzigen Streitereien zwischen Befürwortern und Gegnern der Mediaspree, die stark frequentierten Uferpromenaden; auch heute am Ostersonntag werden Tausende am Fluss entlang spazieren.

Der Senat will ebenfalls in die Offensive gehen. Die Umweltverwaltung hat einen ganzen Katalog von Maßnahmen erstellt, die in den nächsten acht Jahren umgesetzt werden sollen: Dazu gehören Sanierungsarbeiten an der Kanalisation und die Schaffung von unterirdischen Stauräumen, dafür stehen jährlich drei Millionen Euro zur Verfügung. Außerdem sollen einzelne Uferabschnitte neu gestaltet werden. Denn bisher sind die meisten so glatt, dass sie Fischen keinen Schutz bieten – und vor allem ihrem Laich nicht. Man kann davon ausgehen, dass im Berliner Bereich der Spree praktisch keine Jungfische heranwachsen können, heißt es aus der Behörde. Alle anzutreffenden Fische, darunter Barsch, Plötze, Güster und Zander, sind im Laufe ihres Lebens hierher geschwommen. Wobei die beiden innerstädtischen Schleusen – am Mühlendamm und in Charlottenburg – Fischwanderungen stark behindern. Auch hier will die Senatsverwaltung eingreifen, kleine Durchgänge schaffen.

Philipp Geist weiß, wie es unter der Wasseroberfläche aussieht. Der Berliner Künstler hat seine Kamera in die Tiefen Spree gehalten, an der Museumsinsel und nahe der Oberbaumbrücke. Um allen zu zeigen, was sonst verborgen bleibt. Man erkennt: Steine, Schlamm, Fische. Sieht alles sehr kunstvoll aus, aber schwimmen möchte man dort nicht. Noch nicht.

Ein Problem sind die Schwermetalle, die durch die Kanalisation in den Fluss gelangen. Man kann die Zahl kaum glauben: Allein 45 Tonnen Zink belasten jedes Jahr die Spree. Der Großteil ist nicht etwa Industrieabfall, sondern stammt direkt von der Straße: von Laternenmasten, Sitzbänken, Regenrinnen, auch die Fahrbahnbegrenzungen auf der Stadtautobahn geben winzige Partikel ab, die über Umwege in die Spree gelangen. Das summiert sich. Auch Spuren von Kokain-Abbauprodukten lassen sich in der Spree finden, Nürnberger Forscher haben vor Jahren Proben genommen und dabei etwas höchst Überraschendes festgestellt: Die Werte waren weit niedriger als etwa in Köln oder München.

Die Spree wäre viel sauberer, würde sie nicht so langsam fließen. An ihren breiten Stellen im Osten kommt sie an manchen Tagen bloß einen halben Zentimeter pro Sekunde vorwärts, das sind 18 Meter pro Stunde. Sie kann sogar rückwärts laufen. Wenn im Müggelsee im Sommer viel Wasser verdunstet und die nahen Brunnen der Wasserwerke Grundwasser entziehen, kann der Pegel im See um Millimeter zurückgehen. Das reicht, um die Fließrichtung der Spree in Köpenick umzukehren.

Einige Kilometer weiter flussabwärts steht Ralf Steeg im Osthafen und guckt rüber ans Südufer. Da liegt das Badeschiff der Arena. „Bei dem haben auch viele gesagt: Das wird doch nie was. Das braucht kein Mensch.“ Heute ist das schwimmende Becken eine Attraktion, weit über die Grenzen der Stadt bekannt. So soll es auch seinen Abwasserauffangbehältern ergehen, hofft Steeg. Das Pilotprojekt im Osthafen wird durch das Bundesforschungsministerium und die Berliner Wasserbetriebe gefördert. Wird es ein Erfolg, will Steeg die Behälter an 62 weiteren Stellen anbringen. Außerdem kann er seine Idee dieses Jahr in China vorstellen – auf der Expo in Shanghai. Als Erfolgsgeschichte aus Deutschland.  

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