Berlin : Stadtautobahn: Von Tag zu Tag: Stadt der Ringe

Andreas Conrad

Der Wert eines Dichterworts, sagt man, bemesse sich nach seiner Vieldeutigkeit. Möglichst schillernd möge es sein, vielfältig zu deuten. Zum Beispiel dieses: "Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht erweislich." Ganz recht, das ist Lessing. Dessen Worte gelten als poetisch besonders wertvoll, allen voran die Ringparabel aus dem "Nathan", diese Geschichte von drei nicht zu unterscheidenden Ringen, die ein Vater seinen Söhnen vererbt - Sie wissen schon.

Wir haben uns angewöhnt, das ausschließlich religiös zu interpretieren, als Parabel über Christentum, Judentum und Islam. Das greift zu kurz, jeder auswärtige Autofahrer wird es bestätigen, der gerade noch frohen Mutes über den Berliner Stadtring bretterte, plötzlich vor einer Ampel steht und ratlos seufzt: "Ein rechter Ring ist nicht erweislich."

Drei Ringe auch hier. Nur der äußere verdient seinen Namen: Berliner Ring. Ein irreführender Name, liegt dieser Ring Berlin doch etwa fern wie die Wiener Neustadt der Stadt Wien. Immerhin, ein Ring. Der Stadtring hingegen schlängelt sich zwar tatsächlich mitten durch Berlin, seine Form kann sich ein Zugereister aber nur so erklären, hier müsse jemand den Ring erst aufgesägt, dann aufgebogen haben. Auf keinem Finger würde solch ein Gebilde halten, und nur der Suggestivkraft stadtplanerischer Formulierungskunst ist es zu verdanken, dass sich dennoch der Name Stadtring eingebürgert hat. Eine in der Tat gewaltige Kraft, die geradezu Lessingsches Format annimmt, wenn die Verkehrspoeten nun auch noch darüber sinnieren, an sich sei das Hauptstraßengeflecht im Innersten Berlins bereits so etwas wie ein Innenring. Ach, Nathan, Weiser, wie prophetisch du warst: "Ein rechter Ring ist nicht erweislich."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben