Berlin : Stadtbahnstrecke: Auch die letzte historische S-Bahn-Brücke verschwindet

Klaus Kurpjuweit

An der 1882 eröffneten Stadtbahnstrecke der S-Bahn gehen jetzt weitere Bauwerke aus der Anfangszeit verloren. Mit der Sanierung des Abschnittes vom Bahnhof Savignyplatz bis zum Westkreuz, der für 2003/2004 geplant ist, fallen auch die letzten historischen Brückenüberbauten und -pfeiler in diesem Bereich an der Überführung der Holtzendorffstraße. Schon jetzt sind die gusseisernen, reichlich verzierten Pendelstützen unter den S-Bahngleisen kaum noch zu sehen. 13 gibt es noch in jeder der beiden Reihen. Sie werden seit kurzem von banalen Stahlträgern eingerahmt, die die Last der Brücke aufnehmen sollen, wenn die historischen Stützen, auch Hartung-Säulen genannt, vor dem Abriss nachgeben sollten.

Nach Angaben von Gabriele Schlott, der Sprecherin der DB Verkehrsbau GmbH, sind die Stützen nicht mehr absolut standsicher. Schadhaft sei die in den vergangenen Jahren angebrachte Betonummantelung der Stützen im unteren Bereich, die die Anlagen erheblich verschandelten. Sie waren angebracht worden, um die Statik zu verbessern, sollten aber auch bei einem Aufprall durch ein Auto ein Abknicken der filigranen Stützen verhindern. Jetzt besiegeln sie ihr Aus.

Die Brücke an der Holtzendorffstraße erhält bei der Sanierung der Strecke wie bereits die 1992 erneuerten Anlagen der Fernbahn einen modernen Überbau aus Walzträgern in Beton. Ursprünglich bestand die typische Stadtbahn-Brücke aus vier nebeneinander liegenden genieteten Blechträgern.

Ein Ersatz durch Neubauten ist aber nicht neu. Bereits 1931 begann die Reichsbahn, systematisch alle eisernen Brücken der Stadtbahn auszutauschen. Bei kleinen Spannweiten wie an der Wielandstraße kam man für die Walzstahlkonstruktion ohne Pfeiler aus, an den anderen Unterführungen baute man einfache genietete Stützenreihen ein.

Anfang der 90er Jahre, als im Fernbahnbereich beim Ausbau der Strecke bis zum Bahnhof Zoo für den ICE-Verkehr die ersten Gusspfeiler weichen mussten, hatten Architekten vergeblich gegen den Abriss protestiert. Die Bahn und die Bauverwaltung führten zwei Gründe für den Verzicht auf die historischen Brücken an: Die Sicherheit und die Wirtschaftlichkeit. Modernere Pfeiler sind aufprallsicherer, und die Betonbrücken sind zudem erheblich wartungsärmer. Was mit den alten Säulen geschieht, steht nicht fest. In der Vergangenheit wurden sie auch als Schmuckelemente bei neuen Häusern, wie in der Tiergartener Pohlstraße, verwendet.

Woanders hatten die Denkmalschützer mehr Erfolg. Auch am Bahnhof Friedrichstraße wollten die Techniker die alte Bogenbrücke über die Spree durch Neubauten ersetzen. Nach langem Nachdenken fanden sie dann aber doch eine tragfähige Lösung für die Brücke aus der Anfangszeit der Stadtbahn.

Der größte Verlust steht der Strecke aber noch bevor. Im Jahr 2002 soll der ebenfalls aus der Eröffnungszeit stammende Lehrter Stadtbahnhof abgerissen worden. Der Senat hatte ihn zur 750-Jahr-Feier der Stadt 1987 für rund 10 Millionen Mark sanieren lassen. Jetzt steht er dem künftigen zentralen Bahnhof im Weg.

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