Stadtentwicklung : Erst reden, dann bauen

Die CDU fordert eine Debatte über die Stadtentwicklung, die Linke mehr Mut zur harten Urteilen – und der Präsident der Architektenkammer plädiert für ein neues „Stadtforum“.

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Exklusive Großprojekte. Offene Wettbewerbe für Bauvorhaben wie das für den Bundesnachrichtendienst in der Chausseestraße (oben) oder das Quartier Heidestraße (unten li.) gab es nicht. Auch zur Teilnahme am Stadtschloss-Wettbewerb mussten sich Büros bewerben. Aber die Schwelle war niedrig und den Zuschlag erhielt das kleine Büro von Außenseiter Franco Stella. Foto: Doris S.-Klaas, Vivico, dapd
Exklusive Großprojekte. Offene Wettbewerbe für Bauvorhaben wie das für den Bundesnachrichtendienst in der Chausseestraße (oben)...Foto: Vivico Real Estate GmbH

Scharfe Kritik an der Berliner Stadtplanung hat der frühere Stadtentwicklungssenator und Gründer des „Stadtforums“, Volker Hassemer (CDU) geübt. „Eine eigene Planungskultur existiert nicht mehr, Stadtentwicklung gleicht da eher freier Wildbahn als strategischer politischer Planung“. Die Folgen dieses Versäumnisses seien dramatisch. Denn die Entwicklungsschwerpunkte in der Stadt verschieben sich, eine Debatte über die Gestaltung neuer Gebiete wie im Südosten Berlins zwischen Media-Spree und Flughafen Schönefeld sei dringend erforderlich.

Der Präsident der Berliner Architektenkammer Klaus Meier-Hartmann sagte: „Vielleicht müsste man ein Stadtforum wieder aufleben lassen“. In dem Gremium wurden in den neunziger Jahren alle wichtigen Projekte Berlins offen diskutiert. Meier-Hartmann schränkte zwar ein, dass zu Zeiten des Stadtforums die Aufbruchstimmung der Nachwendejahre herrschte und Investoren Schlange standen. Andererseits vermisst er eine breite öffentliche Debatte etwa für das Gebiet am Hauptbahnhof: „Da steigt man mitten in der Stadt aus und denkt, man ist in der Wüste“.

Am Wochenende hatten führende Architekten scharfe Kritik an der Einfallslosigkeit der Berliner Stadtplanung geübt. Sie beklagen, dass viele Entscheidungen hinter den verschlossenen Türen des Berliner Baukollegiums von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher fielen. Lüscher selbst weist die Kritik zurück. Sie will nun aber die Arbeit des Gremiums öffentlich machen: Anfang Juni soll in der Alten Zollgarage am Flughafen Tempelhof eine Ausstellung zu solchen Projekten öffnen, die im Baukollegium behandelt wurden und eine Podiumsdiskussion ist geplant.

„Stadtentwicklung findet in Berlin seit zehn Jahren nicht mehr statt“, sagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU und stadtentwicklungspolitische Sprecher, Michael Braun. Es sei an der Zeit, eine gesellschaftliche Debatte darüber zu führen, wie die zentralen Räume der Stadt inhaltlich und architektonisch gestaltet werden sollen. „Wenn dem Senat selbst schon nichts einfällt, ist das zwar schlimm“, so Braun. Aber dann müsse die Verwaltung wenigstens „den Diskussionsprozess organisieren“.

Für Volker Hassemer hat die „Kabinettspolitik des früheren Senatsbaudirektors Hans Stimmann“ die breite öffentliche Debatte über die Entwicklung der Stadt erstickt. Öffentlichkeit habe in dessen System nicht hineingepasst. Und in Senatskreisen ist zu hören, dass Projekte von Nachfolgerin Regula Lüscher immer noch ausgebremst würden durch die Getreuen ihres Vorgängers in der Verwaltung. Kammerpräsident Meier-Hartmann nimmt Lüscher in Schutz: „Sie hat das Planwerk Innenstadt weitergedacht.“ Weil sie mit unterschiedlichen Konzepten in verschiedenen Stadträumen agiert, wirke das vielleicht willkürlich – „das ist es aber nicht“, so der Kammerpräsident.

Für Thomas Flierl (Linke), Vorsitzender des Stadtentwicklungsausschusses im Abgeordnetenhaus, müssten sich die Politiker den Kontroversen stellen und „ihre falsche Zurückhaltung“ aufgeben. Bisher sei es aber „eine Seltenheit“ von der Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD), eine Meinung zur Qualität der ästhetischen Gestaltung eines Gebäudes zu hören. „Und wenn der Regierende Bürgermeister einmal einen Neubau am Alexanderplatz misslungen nennt, dann wird das schon als Staatserklärung bejubelt“, sagt Flierl.

Offene Wettbewerbe nennen Architekten und Planer als eines der wichtigsten Mittel, um Bauwerke besserer Qualität und eine neue Debatte über die Berliner Stadtplanung in Gang zu bringen. Doch in Planerkreisen heißt es auch, dass darauf immer häufiger verzichtet wird. Sogar wenn die Bundesregierung der Bauherr ist. So wird der Neubau des Ministeriums für Bildung und Forschung am Kapelle-Ufer als öffentlich-private Partnerschaft realisiert. Dabei überlässt der Bund dem Bauunternehmen die Entwicklung des Projektes. Und der schreibt einem Architekten seiner Wahl einen Entwurf vor, der die Nutzung und den technischen Betrieb des Gebäudes in den Vordergrund rückt. „Fragen der Gestaltung und des Städtebaus sind da nur noch ein untergeordnetes Kriterium von vielen“, heißt es in Kreisen von Planern. Da dürfe sich dann auch niemand mehr wundern, wenn die Architektur auf der Strecke bleibe.

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