Stadtentwicklung : Nach den Gauklern kommen die Makler

Kaum eine Brache in Berlin bleibt ungenutzt – bis die Stadt sie überwuchert. Ein Rückblick auf die großen Leerstellen der Stadt, ihre Zwischennutzungen und das Wachsen der Metropole.

von und
Auf diesem Foto aus dem Jahr 2004 sieht man die vielen leeren Flächen am Leipziger Platz besonders gut. Die Fläche oben links wird erst jetzt bebaut. Bis vor kurzem standen dort immer wieder Zirkuszelte.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Britta Pedersen/dpa
21.11.2012 21:08Auf diesem Foto aus dem Jahr 2004 sieht man die vielen leeren Flächen am Leipziger Platz besonders gut. Die Fläche oben links wird...

Noch ist es ziemlich dunkel hier drinnen. Die Zeltplane hängt schlaff von den vier 25-Meter-Masten. 60 Männer in grellen Warnwesten und Bauarbeiterhelmen wuseln herum. „Alle sammeln“, brüllt Tanja Spelz, Zeltspezialistin und am Mittwochmittag die einzige Frau im „Grand Chapiteau“ des kanadischen Cirque du Soleil. Seit Dienstag wird das riesige Zelt auf der großen Brache an der Heidestraße, unweit des Hauptbahnhofs, aufgebaut. Von Ende November bis Ende Dezember werden dort Artisten die Show „Corteo“ aufführen. Aber jetzt müssen erst einmal die 60 Mann das Zelt mit 100 Stangen aufrichten und die Dachplane spannen: Jeweils zu dritt packen sie die 20-Kilo-Metallrohre und schieben sie unter Ächzen und Gebrüll über den Betonboden, immer 20 Stangen auf einmal.

Zwei Sanitäter warten in der Zeltmitte auf einen möglichen Einsatz, doch es geht alles gut. Nach einer knappen Viertelstunde ist das Dach straff gespannt, noch fehlen die Seitenplanen. Während ihre Kollegen die Bühne aufbauen, sagt Tanja Spelz: „Wir sind immer auf solchen Brachen wie dieser hier. Wir brauchen einen großen Platz, auf dem wir die zwei Meter langen Erdnägel in den Boden rammen können.“ Sie war auch beim letzten Mal dabei, als das Cirque-du-Soleil-Zelt in Berlin aufgebaut wurde, 2008 neben dem Ostbahnhof, ebenfalls auf einer Brache. Dort entstand kurz darauf die O2-World. Auch das Gelände an der Heidestraße wird bald keine Brache mehr sein. Im nächsten Jahr sollen dort die Bauarbeiten für ein neues Stadtviertel beginnen. Das Deutsch-amerikanische Volksfest muss sich dann ebenfalls einen neuen Standort suchen – schon zum zweiten Mal: Vorher fand es jahrzentelang an der Clayallee in Zehlendorf statt – bis auch dort gebaut wurde.

Erst Brachgelände, dann Zirkus im weitesten Sinne, schließlich Bagger, Kräne und andere Baumaschinen, die Riesenlöcher buddeln und sie mit Betonklötzen füllen – das hat in Berlin, besonders nach dem Ende der Teilung, Tradition. Später entscheiden an den fraglichen Orten Nadelstreifenträger über die Geschicke von Firmen, wird geplant und verwaltet, glitzern die Leuchtreklamen und verfallen Konsumentenscharen in Kaufrausch. Aber vorher kommen die Gaukler und Clowns, die Künstler und Musiker.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

23 Kommentare

Neuester Kommentar