Stadtentwicklung : „Wie in einer Betonschlucht“

Klaus Wowereit hat sich auf Stadtrundfahrt begeben. Gemeinsam mit der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher besichtigte er diverse Bauprojekte in der Hauptstadt. Besonders am Alexanderplatz ärgerte er sich über neue Hässlichkeiten.

Christian van Lessen
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Skeptischer Blick: Was Klaus Wowereit am Alex sieht, gefällt ihm nicht immer, wie der Rohbau für "die neue Mitte". -Foto: Thilo Rückeis

Im 14. Stock des „Haus des Reisens“ am Alexanderplatz geriet Klaus Wowereit gestern Mittag fast in Rage. Als Senatsbaudirektorin Regula Lüscher die „urbanen Räume“ und das neue Pflaster des Platzes rühmte, grummelte er: „Mit Millionen von Kaugummis“. Plattgetreten hinterlassen sie dunkle Flecken, die kaum zu beseitigen sind. Wenig später schimpfte er auf die Farbe des Einkaufszentrums Alexa und auf den gegenüberliegenden fast fensterlosen „Klotz“ des neuen Geschäftshauses „die neue Mitte.“ Wie in einer Betonschlucht fühle er sich.

Alle Schönheitskuren für den Alex nutzen nichts, wenn durch solche Hässlichkeiten alles zerstört werde. Das Land, meinte er selbstkritisch, müsse mehr Einfluss auf Investoren geltend machen. Abteilungsleiter Manfred Kühne aus der Senatsverwaltung für Stadtenwicklung versuchte, den Regierenden Bürgermeister zu besänftigen. Am Rohbau sollten noch „Scheinfenster“ angebracht werden. Und direkt an eine Brandwand des Neubaus werde später sowieso ein Hochhaus gebaut, bis dahin gebe es vielleicht eine Fassadensimulation. Und überhaupt rechne die Behörde immer noch mit weiteren Hochhäusern, bis spätestens 2018.

Die Aussicht von oben auf den Alexanderplatz gehörte zur „städtebaulichen Rundfahrt“, die sich Wowereit in der Sommerpause verordnet hatte, in Begleitung von Senatorin Ingeborg Junge- Reyer, ihrer Führungsriege und einer Schar von Reportern. „Berlin ist reich“, hatte die Senatorin zu Beginn der Busfahrt am Hauptbahnhof versichert, damit die Entwicklungsräume und Flächenpotenziale gemeint. Und schon ging es an die verödete Moabiter Heidestraße, an der ein neuer Stadtteil entstehen soll, gern hätten die Passagiere den Bus verlassen, das ramponierte Areal um einen Getränke-Abholmarkt näher erkundet, aber es war versperrt, Abteilungsleiter Kühne musste mit einem Luftbild trösten. Die Gegend um den nahen Nordhafen sei übrigens „hoch-unattraktiv“, meinte er. Es gebe Hoffnung, dass auch Schering als großer Nachbar von dieser Ecke her „wichtige Impulse“ setzen könne.

Am Humboldthafen blühte der Regierende Bürgermeister auf, als es um die geplante Randbebauung ging, mit Arkaden wie in Hamburg. Gerade auf der Nordseite Richtung Invalidenstraße solle sich ein Ort für zeitgenössische Kunst etablieren, mit Läden und Gastronomie. Wowereit brachte auch die geplante Berliner Kunsthalle ins Gespräch.

Das Bewerbungsverfahren für die Grundstücke werde vorbereitet, das Interesse von Kunstsammlern sei sehr groß. Die Busfahrt ging kommentarlos an den skurrilen Resten des Palastes der Republik vorbei, Senatsbaudirektorin Lüscher sprach konzentriert von Orten strategischer Stadtentwickwicklung, von Unordnung und Ordnung, von Unorten, die zu Orten und zu Adressen mit Flair werden sollten. Als später am Alex der Zorn Wowereits verraucht war, erklärten die Baufachleute etliche neue Hotelprojekte in der Umgebung. Dann ging es schon zu East-Side-Gallery und O2–Arena ans Ufer der Spree, wo gerade ein Park entsteht. Am Wasser gab der Regierende Bürgermeister etwas gequält Statements zum Bürgerentscheid gegen die geplante Uferbebauung der „Mediaspree“ ab, der von ihr geforderte 50-Meter-Uferstreifen sei unsinnig, Senat und Bezirk hätten gemeinsam geplant mit größtmöglicher Zugänglichkeit zur Spree, der Bezirk dürfe sich nicht aus der Affäre ziehen. Senatorin Junge-Reyer meinte, sie schaue genau hin, was der Bezirk jetzt mache, es gebe immerhin noch ihre Rechtsaufsicht.

Dann holten alle tief Luft und freuten sich an der schönen Wasserlage.

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