Stadtflucht : Junge Familien ziehen weg aus der Innenstadt

Die Abwanderung junger Familien aus der Berliner Innenstadt betrifft auch beliebte Szeneviertel wie Prenzlauer Berg. Es fehlen bezahlbare Wohnungen.

Ralf Schönball

Wegen des geringen Angebots großer und bezahlbarer Wohnungen ziehen junge Familien immer häufiger weg aus den beliebten Vierteln Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Dieses Ergebnis der gestern vorgestellten Studie vom Institut für soziale Stadtentwicklung ist überraschend. Denn gerade in diesen beiden Bezirken gibt es stadtweit die meisten Geburten. Der Berliner Mieterverein, der die Studie in Auftrag gegeben hat, fordert deshalb Maßnahmen des Senats, um die Stadtflucht zu stoppen. „Die Renaissance der Innenstadt ist kein Selbstläufer“, sagte Hauptgeschäftsführer Hartmann Vetter.

Die Forscher kamen der Flucht junger Familien auf die Spur, als sie die Zahlen der unter Sechsjährigen im Kiez über einen längeren Zeitraum verfolgten. Das Ergebnis für Friedrichshain ist negativ: Es wandern mehr Kinder mit ihren Eltern ab, als dort neue hinziehen oder geboren werden. "Erwachsene mit Kleinkindern verlassen nach einer gewissen Zeit die Innenstadt“, sagt Armin Hentschel, Direktor des Instituts. Der Exodus der jungen Familien werde jedoch in diesen Bezirken zurzeit noch durch die "Ausbildungswanderung“ aus dem Ausland ausgeglichen: Vor allem Studenten kämen nach Berlin wegen des guten Rufs der Stadt und weil die Mieten im Vergleich zu anderen Metropolen geringer seien.

Die politisch viel beschworene Renaissance der Innenstädte sei kein "Megatrend“, so Hentschel weiter. Das zeigten auch die Wanderungsbewegungen innerhalb Berlins: Mehr Einwohner ziehen aus dem Zentrum an den Rand der Stadt als umgekehrt. Die Bevölkerung im Zentrum schrumpft aber deshalb noch nicht, weil auch viele junge Menschen aus dem Umland in die City ziehen.

Ein Grund für die "Randwanderung“ innerhalb der Stadt ist für den Mieterverein das schlechte Wohnungsangebot im Zentrum. Die Wohnungsprobleme Berlins würden nicht durch den kleinen Bauboom exklusiver "Townhouses“ in Prenzlauer Berg gelöst. Dieser bewege sich im Promillebereich, gemessen an den 1,8 Millionen Wohnungen in der Stadt, so Vetter. Bezahlbare Wohnungen für Familien seien rar, weil es an einer entsprechenden Mietenpolitik fehle. Der Direktor des deutschen Mieterbundes, Franz Georg Rips, forderte deshalb eine "bessere Verzahnung der Bundesprogramme Soziale Stadt, Stadtumbau und Städtebauförderung“ sowie eine "Schul- und Verkehrspolitik im Interesse der in der Stadt lebenden Menschen“.

Auch die geringfügig gestiegene Zahl der Einwohner in Berlin ist nach Einschätzung des Stadtforschungsinstituts ein „überschätzter, kurzfristiger Trend“: Ende vergangenen Jahres lebten in Berlin gerade so viele Menschen wie zuletzt 1995. Außerdem sei der kleine Zuwachs der Bevölkerung vor allem "der DDR zu verdanken“: Dort hatte es nach 1977 einen Babyboom gegeben, anders als im Westen Berlins, wo stetig weniger Kinder geboren wurden. Diese geburtenstarken Jahrgänge bekommen nun Kinder, hielten die Schrumpfung Berlins aber nur für eine kurze Zeit auf.

Die langfristigen Prognosen gingen von einer Alterung der Bevölkerung aus. Auch darauf müssten Politiker und Bauunternehmer reagieren: Wohnungen ohne Barrieren oder Hindernisse mit Apotheken, Ärzten und Versorgungseinrichtungen in der Nachbarschaft würden dann verstärkt nachgefragt. Noch seien die Innenstädte dafür nicht gerüstet. Deshalb zögen ältere Bewohner hier weg – so wie die jungen Familien auch.

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