Berlin : Stadtflucht

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Von Christian van Lessen

Links vom Feldweg grunzen Schweine, ein großes und viele Ferkel, die sich in einer Schlammkuhle suhlen. Rechterhand grasen Pferde, weiter hinten Kühe. Eine Frau rollt mit dem Traktor heran, bringt dem Borstenvieh Futter, die Ferkel quieken, die Köpfe verschwinden im Trog. Die Kinder, die das sehen, quieken auch. Der Weg führt am Teich entlang, später an schläfrig-kauenden Schafen, an Getreidefeldern, an Gemüseäckern vorbei, mit Tafeln, die erklären, wo was wächst. Am Ende des Rundgangs kommen Hühner ins Bild, wie Wegelagerer lungern sie hinterm Zaun. Andere gackern im Stall. Die Frau von vorhin ist dort verschwunden. Wenig später kommt sie mit frischen Eiern heraus, die sie paar Meter weiter in einen kleinen Laden trägt, wo sie bald an landselige Spaziergänger verkauft werden.

Das wirkt wie Urlaub auf dem Bauernhof, wie ganz weit weg. Aber es ist ganz nah. Die Berliner, die hier auf Stadtflucht sind und tief durchatmen, wundern sich noch immer, dass alles wahr ist. Dieses Stück Landwirtschaft zu genießen, sagen sie, ist Lebensqualität, die nicht jede Stadt bieten kann. Wer sich an die achtziger Jahre erinnert oder selbst noch die neunziger, sieht glücklich aufatmend, dass Bürgerprotest wirklich etwas bewirken kann.

Hier auf den Feldern sollte mal ein Sportzentrum der Uni entstehen, ein technokratisch-betonkalter Bau, der wie ein ICC gewirkt hätte. Später waren Wohnäuser geplant, ganz exklusiv. Hier und jetzt aber kann jeder aufs Feld, sich die Landluft ins Gesicht wehen lassen, sich am Weitblick freuen – und an der Domäne Dahlem.

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