Stadtforscher : "Jeder Migrant braucht einen Schulabschluss"

Hartmut Häußermann.
Hartmut Häußermann.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Häußermann, Sie sagen, eine islamische Mittelschicht präge Berlin in 20 Jahren. Wer gehört dazu?

Rechtsanwälte, Ärzte, Selbstständige und Journalisten zum Beispiel. Diese Mittelschicht gibt es schon heute. Sie wird bis zum Jahr 2030 aber größer. Heute haben in Berlin 24 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund, aber 43 Prozent der Kinder unter sechs Jahren! Die sind in 20 Jahren zwischen 21 und 26 Jahre alt. In Berlin gibt es mehr als 100 000 türkische Staatsbürger. Ein Teil von ihnen nutzt die Bildungschancen und macht Karriere. Es sind liberale aufgeklärte Bürger, die ihre Wurzeln nicht verleugnen. So wird die islamische Mittelschicht zu einem wichtigen Glied der Integration.

Bisher gelingt Integration leidlich, wird sich das ändern?
Nur, wenn der Senat heute schon sagt: „Keiner darf zurückbleiben, jeder braucht einen Schulabschluss!“ Bisher ist das Dilemma vieler Migranten, dass der Berliner Arbeitsmarkt nach qualifizierten Kräften sucht. Die Zahl der nicht qualifizierten, erwerbslosen Migranten steigt von Jahr zu Jahr. So entsteht bis zum Jahr 2030 eine Armutsbevölkerung, mit der man auch räumlich rechnen muss.

Weil die City Reichen vorbehalten ist?
Es ist mit einer erhöhten Nachfrage nach sehr billigen Wohnungen zu rechnen, weil die Gentrifizierung in der Innenstadt zunehmen und es keinen öffentlich geförderten Wohnungsbau mehr geben wird. Nicht einmal landeseigene Gesellschaften werden mehr gegensteuern können, weil in 20 Jahren auch alle früher geförderten Wohnungen aus der Bindung herausfallen.

Auch das Durchschnittsalter der Berliner steigt bis 2030 deutlich. Wie werden die Alten Berlin prägen?
Alter ist relativ. Wer eine lückenlose Erwerbsbiografie hat, verfügt über eine auskömmliche Rente und ist meistens gesund, weil er Risiken vorbeugt. Da ist 67 kein Alter. Andererseits sind in 20 Jahren auch viele Berliner im Rentenalter, die nur zeitweilig gearbeitet hatten und deshalb kaum Rente bekommen. Die Altersarmut kehrt zurück.

Hartmut Häußermann, 67, ist Emeritus der Humboldt-Universität und Gesellschafter der Firma für Stadtforschung „Res urbana“. Mit ihm sprach Ralf Schönball.

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