Stadtführungen : Immer der roten Nase nach

Monika Dargatz alias Frau Wagenbrecht veranstaltet amüsante Stadtführungen durch Mitte und Prenzlauer Berg. Reich wird sie damit nicht, aber glücklich.

Heidemarie Mazuhn
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Loreley mit Clownsnase Berlin-Führerin Monika Dargatz am Heinrich-Heine- Denkmal in Mitte. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin„Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“, schallt die „Loreley“ in die Veteranenstraße hinaus. Dort bleiben neugierig einige Passanten stehen – zu verwunderlich ist das, was sie da am Heinrich-Heine-Denkmal im Volkspark Am Weinberg sehen. Eine Frau in kunterbunt zusammengewürfelten Kleidern ist behend auf den bronzenen Heinrich Heine hochgeklettert und zeigt nun neben dem scheinbar lächelnden Dichter ihr Gesicht mit der roten Clownsnase.

Aus luftiger Höhe philosophiert sie über Tod und Leben und sucht Antwort nicht nur bei Heines „Märchen aus uralten Zeiten“. Aufmerksam hört ihr zu Füßen eine Handvoll Leute zu – sie haben für dieses Vergnügen acht Euro bezahlt. Des Rätsels Lösung steht an dem putzigen Leiterwagen, den der weibliche Klettermaxe neben Heine abgestellt hat. „Frau Wagenbrecht führt durch die Stadt“ steht auf dem gelben Schild.

Einen außergewöhnlichen Stadtspaziergang durch Berlin bietet Monika Dargatz unter alias „Frau Wagenbrecht“ als Clownin an. Vom Heinrich-Heine-Denkmal an der Ecke Brunnenstraße/Veteranenstraße führt sie zur Zionskirche auf den höchsten natürlichen Berg Berlins, von dort zum Kino Lichtblick ins fast älteste Haus der Stadt in der Kastanienallee 77 bis zum Stadtbad Oderberger Straße. Und kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, erzählt von der legendären „Karows Lachbühne“ oberhalb des Weinbergs, die „feine Herrschaften aus dem Westen“ wie Kurt Tucholsky, Heinrich Mann und Charlie Chaplin in den armen Osten der Stadt lockte, und kehrt dann mit der „Weinerei“ in der Veteranenstraße in die Gegenwart zurück. Dort bezahlt man zum Einstieg einen Euro und nach einer ausführlichen Weinprobe so viel, wie man für angemessen hält.

In der Zionskirche lässt „Frau Wagenbrecht“ ihre Zuhörerhoch oben ein blaues Fenster entdecken, dann geht es nach drinnen auf Schatzsuche. Dort finden die Teilnehmer Zettel mit Noten, zu denen es eine herrlich versponnene Geschichte zu hören gibt. Die nächste Station für das Grüppchen ist die Kastanienallee. Hier verteilt die Clownin Kekse als Reiseproviant und demonstriert anhand eines Kreidestrichs auf dem Mittelstreifen, dass man an dieser Stelle Berlin-Mitte verlässt und den Prenzlauer Berg betritt.

Hier im „Lichtblick“, dem kleinsten Kino Berlins, spielen die Spaziergänger selbst großes Kino – für die Schlussszene aus „Casablanca“ hat Frau Wagenbrecht in ihrem Leiterwägelchen sogar einen Trenchcoat mitgebracht. Die Jüngeren genieren sich etwas, unter den älteren Mitspazierern findet Dargatz aber bei jeder Tour schnell ein paar, die mit Vergnügen in die Rollen von Humphrey Bogart und Ingrid Bergman schlüpfen. Einer mimt sogar das Flugzeug, mit dem Elsa ihre große Liebe verlässt.

Witzig, poetisch und voller Überraschungen sind diese 120 Minuten mit der rothaarigen Clownin. Es geht ihr nicht um Jahreszahlen, Daten und Namen, die sich sowieso keiner merkt, sondern um den Ausdruck ihrer eigenen Liebe zu diesen Orten.

Diese Orte hat Dargatz entdeckt, als sie nach 30 Jahren in Frankfurt am Main 2003 in ihre Heimatstadt zurückzog, um hier ein neues Leben zu beginnen. Ihr Leben als Clownin. Ihre Ausbildung dazu hat sie in Hannover durchlaufen. Das Geld für die zwei Jahre TUT, die Schule für Tanz, Clown & Theater, sparte sie sich in ihrem gelernten Beruf als Krankenschwester zusammen.

Erholung von diesem harten Job hat sie schon immer gefunden, indem sie nebenher Theater spielte. Erst als die 1973 geborene Tochter Anja auf eigenen Füßen stand, erfüllte sie sich ihren Lebenstraum – aus der Krankenschwester wurde eine Clownin.

Berlin schien ihr das richtige Pflaster für ihr neues Leben zu sein. In Kreuzberg fand sie eine Wohnung – wenn auch nicht ganz so fein wie einst in Wannsee. Dort wurde Monika Dargatz 1950 im Gartenhäuschen der Liebermann-Villa geboren – nach dem Krieg war dort eine Klinik untergebracht, in der ihr Vater als Krankenpfleger arbeitete.

Bei ihren Streifzügen durch die neue alte Heimat entdeckte die Rückkehrerin den „fantastischen Osten“, fand dort Lieblingsecken und clowneske Geschichten und bastelte daraus ihren Spaziergang mit Frau Wagenbrecht. Leben kann sie nicht von dem Geld, das sie bei den Spaziergängen einnimmt. Deshalb lässt sie sich für Kindergeburtstage und andere Feste mieten und arbeitet als ambulante Krankenpflegerin auf 400-Euro-Basis. Teure Werbeflyer hat sie dabei nur am Anfang benutzt – inzwischen setzt Dargatz nur noch auf Mundpropaganda.

Bereut hat die gelernte Krankenschwester das Clownsein nie. Statt Geld habe sie jetzt mehr Freiheit. „Und so wie das Leben,“ sagt sie, „sind Clowns eben auch nicht immer lustig.“

Informationen über die nächsten Stadtspaziergänge mit Monika Dargatz alias Frau Wagenbrecht unter der Rufnummer: 6956 8645 oder 0179 4759 586.

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