Stadtgeschichte : Bloß nicht oben ohne

Die Ausstellung „Kopfputz“ im Märkischen Museum will den Blick für Hut und Kopftuch im Wandel der Zeiten schärfen.

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Kopfarbeit. Einen heutigen Kinderhut hätte Fontane nie aufgesetzt.
Kopfarbeit. Einen heutigen Kinderhut hätte Fontane nie aufgesetzt.Foto: Thilo Rückeis

Die Apokalypse vermochte sich Jakob van Hoddis nur oben ohne vorzustellen. „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / In allen Lüften hallt es wie Geschrei“, so begann der expressionistische Dichter 1911 sein Gedicht „Weltende“ – eine heute völlig undenkbare Eröffnung: Wer trägt schon noch Hut? Damals aber, die Bürgerschreck-Verse deuten es an, war ein Mann ohne Hut nicht komplett. Und ähnlich sieht es mit dem Kopftuch aus. Einst hierzulande ein selbstverständliches, oft modisches Accessoire, heute fast nur noch bei muslimischen Frauen in Gebrauch.

Zeit also für einen „Blickwechsel“, denn hier geht es nicht nur um textile Fragen, eher um die Bedeutung von Bekleidungsmoden für den Alltag der Gesellschaft. „Blickwechsel“ – so heißt eine neue Ausstellungsreihe im Märkischen Museum, deren erste Folge am Dienstag im Rahmen der Jahrespressekonferenz des Stadtmuseums vorgestellt wurde. Ihr Titel „Kopfputz“ ist ambivalent gemeint: Zum einen geht es um die Berliner Kopfbedeckung im Wandel der Zeiten, zum anderen soll der Kopf des Besuchers „geputzt“, sein Blick für die kleinen Geschichten und ihre Hintergründe geschärft werden, die sich in einem Haus wie dem Märkischen Museum verbergen, an denen er sonst vielleicht achtlos vorüberliefe. Das Grundprinzip ist simpel: Einem Objekt der Dauerausstellung wird ein neues, darauf in dieser oder jener Weise anspielend, zugeordnet – ohne Erklärung, die findet sich erst in einem gratis am Eingang verteilten Heftchen.

Die neuen Objekte an den zwölf übers Haus verteilten Stationen  seien teilweise schon „etwas merkwürdig, ein bisschen störend“, wie Alice Uebe, neben Constanze Schröder eine der Kuratorinnen, warnt. So muss man schon genau hinsehen, um die Verbindung zwischen Wilhelm Brückes Gemälde „Altes Rathaus zu Berlin“ (1840) und einer Tube Selbstbräunungscreme der Marke Garnier Ambre Solaire (2012) zu erkennen. Erhellung bringt die Sonne: Deren Wirkung auf die Haut galt im 19. Jahrhundert noch als unfein. Die Angehörigen der feinen Gesellschaft hatten weiß zu sein, um zu signalisieren, dass sie reich und auf Arbeit im Freien nicht angewiesen waren. Gerne schützten sich da die Damen mit breitkrempigem Hut und zusätzlich das Gesicht beschattendem Schirmchen, wie auf dem Bild zu sehen ist. Heute dagegen gilt gesunde Bräune als Beweis von einem Übermaß an Freizeit. Und wenn zum Sonnen doch zu wenig Zeit bleibt, hat man immer noch die Creme.

Andere Stationen erschließen sich einfacher: Der 1908/10 von Max Klein geschaffenen Statue Theodor Fontanes, die ihn als Wandersmann mit dem nach 1848 unter Freigeistern beliebten Kalabreserhut zeigt, wurde ein 2012 von H&M vertriebener Kinderhut gegenübergestellt, wie er teilweise wieder populär geworden ist. Und einem Hinterhofmusikanten auf Michael Adams Gemälde „Der Krögel“ (1901), der nach seinem Auftritt mit dem Hut herumging, wurde ein mit Kleingeld gefüllter Pappbecher zugeordnet. Hüte tragen selbst heutige Straßenmusikanten selten. Auch der Tagesspiegel ist präsent. Die Titelseite vom 8. Oktober 2011 zeigte die drei Friedensnobelpreisträgerinnen des Jahres – alle mit Kopftuch. War das ihre Alltagsmode, so Max Pechsteins Darstellung seiner Frau als exotische Kopftuchschönheit (1919) nur ein Traum, das Tuch ein Requisit.

Besonders bildkräftig ist die Ergänzung mittelalterlicher Holzmadonnen. Es sind allesamt Kopftuchfrauen, wie damals üblich. Ihnen wurden zwei Fotoreihen der Künstlerin Seren Basogul gegenübergestellt, Kopftuchvarianten mal à la Grace Kelly, mal für die mondäne Künstlermuse, mal die traditionsbewusste Muslimin – den Assoziationen sind keine Grenzen gesetzt, allenfalls die der Vorurteile, die die Trägerinnen mal in diese, mal jene Schublade packen. Die Frauen selbst aber sind stets dieselben.

Die Ausstellung „Kopfputz. Blickwechsel im Märkischen Museum“ ist bis zum 20. Mai geöffnet (dienstags bis sonntags 10-18 Uhr; Eintritt 5/3 Euro, bis 18 Jahre Eintritt frei. Jeden 1. Mittwoch im Monat Eintritt frei). Im September folgt ein „Blickwechsel“ zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“.

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