125 Jahre Ku'damm (1) : Spiel mir das Lied vom Ku’damm

Sommer 1890: Ein Mann namens Buffalo Bill macht Berlins Boulevard zum Wilden Westen. In Dresden und München hat er zuvor große Erfolge gefeiert.

Anja Knott
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William Frederick Cody blickte selbstzufrieden auf den Aushang gleich neben dem Eingang des Zoologischen Gartens. Da stand sie, schön groß, die bunte Werbung für seine große Show: „Beginn der 1. Vorstellung am 23. Juli 1890. Zum ersten Male in Berlin. Buffalo Bill’s Wild West.“ Staunen würden sie, diese Berliner. In Dresden auf dem früheren Turnfestplatz an der Herkulesallee hatten die Leute ihm neulich schon zugejubelt. In München war seine Truppe 18 Tage lang vor ausverkauften Rängen aufgetreten, Tausende hatten Eintrittskarten telegrafisch vorbestellt. Seine Showidee, eine Goldgrube! Mal sehen, wie voll es auf dem Gelände am Kurfürstendamm würde. Cody spuckte eine Ladung Kautabak in hohem Bogen aufs Trottoir, schob seinen runden Cowboyhut in den Nacken und schlenderte Richtung Lagerplatz.

Buffalo Bill, Mythos des Wilden Westens, hatte mit seiner Tournee ein neues Kapitel in der Unterhaltungsindustrie aufgeschlagen, feierte weltweit Erfolge. Nun gastierte seine Show in der deutschen Hauptstadt, nur eine Minute vom Zoologischen Garten entfernt. Auf einem großen, parkähnlichen Gelände am Kurfürstendamm, Ecke Joachimstaler Straße, hatte die Wildwesttruppe – 200 Indianer, Cowboys, Kunstreiter, Trapper und Kunstschützen – eine elektrisch beleuchtete Manege errichtet, hatte Zelte und Wigwams aufgeschlagen, Ställe für die Ponys, Elche, Büffel, Wildpferde und Maultiere gezimmert. Eine Sensation in dieser Stadt.

Unterwegs sah Cody sich ein wenig um auf dem Kurfürstendamm. Gefiel ihm nicht schlecht hier. Da gab es Gartenrestaurationen in den Villenvorgärten und auf den unbebauten Grundstücken kleine Buden. Es wimmelte von elegant gekleideten Spaziergängern, Ausflüglern, seriös dreinblickenden Geschäftsleuten, Reitern, kühnen Automobilfahrern und Menschen auf Fahrrädern. Gleich würden viele dieser Leute in sein Lager zum legendären „Indian Breakfast“ kommen. Große Rindfleischstücke wurden über offenem Feuer gegrillt und direkt vom Holzspieß gegessen. Für Cody ein ziemlich lukratives Zusatzgeschäft.

Er hatte sich erkundigt, ehe er mit der Show Station in Berlin machte. 53 Meter breit sei der Boulevard, hatten sie gesagt. Richtung Westen führe er mitten hinein in einen Wald, den Grunewald. Und, verdammt, diese Straße änderte ständig ihr Gesicht: pompöse Mietshäuser, Stadtvillen, Brettergerüste, Rohbauten, Obst- und Gemüseplantagen und jede Menge wüste, leere, unbebaute Grundstücke. Erinnerte ihn an die Aufbruchstimmung im Wilden Westen, andererseits aber auch ein wenig an die eleganten Champs Elysées in Paris, wo er mit seiner Show alle Zuschauerrekorde gebrochen hatte. Nein, nein, Paris, das war doch um einiges schicker als dieses Berlin. Da könnten sie hier noch was lernen. Dass der Kurfürstendamm einmal nichts als ein Reitweg gewesen war, konnte der Mann aus Iowa, dessen Namen deutsche Zeitungen mit „Büffel-Wilhelm“ übersetzten, ja nicht wissen. Otto von Bismarck, vor ein paar Monaten als Reichskanzler entlassen, hatte durchgesetzt, eine Prachtstraße daraus zu machen. Die Berliner sprachen, wenn sie die rasante westliche Ausdehnung ihrer Stadt benennen wollten, vom „Zug gen Westen“. Erst 1896 sollte der Boulevard offiziell eingeweiht werden.

Na wenigstens, dachte Cody, war alles ordentlich abgesteckt und durch Bauzäune gesichert. Auch das Gelände seiner Wild West Show hatten sie neu umzäunt. „Preußisch korrekt“, nannten die Berliner das. Cody musste grinsen. Diese Hauptstädter! Ihre Inspekteure hatten jeden Handgriff genauestens vermerkt, als seine Leute das Lager aufschlugen. Am Ende würden sie Details seiner ausgefeilten Ausstellungstechnik noch für militärische Zwecke nutzen wollen …

Am nächsten Tag verließ Buffalo Bill Berlin zufrieden. Seine Show am Kurfürstendamm war glänzend besucht gewesen. Berliner Zeitungen berichteten von den Büffelherden, den Reiterkunststücken, Artillerieübungen und vor allem von den federgeschmückten Indianern, die im wilden Galopp wie skalpierende Wilde einritten und zum Schein Überfälle auf Postkutschen verübten. Nach der Vorstellung war das Zeltlager für die Berliner frei zugänglich. Brave Bürger betrachteten das „echte Leben“ der Show-Indianer im Wigwamdorf. Massen Schaulustiger quollen aus der voll besetzten Dampfstraßenbahn ins Wildwestdorf. Die Leute kauften wie die Wilden: Indianerkleider, Bärenfelle und Lederanzüge. Die Indianer – Persönlichkeiten wie American Bear oder Iron Pot – waren die eigentlichen Stars der Show, auch außerhalb der Manege. Ganz Europa schwärmte für sie. Buffalo Bill hatte aber auch die Meisterschützin Annie Oakley, einzige nichtindianische Frau des Ensembles, verpflichtet. Annie begeisterte das Publikum mit Kunstschüssen auf Spielkarten und Glaskugeln. Als Clou schoss sie ihrem Mann und Manager Frank Butler die Zigarette aus dem Mund.

In der Berliner Vorstellung sorgte der deutsche Kaiser Wilhelm II. für eine Sensation: Er zündete sich eine Zigarre an und fragte Oakley, ob sie es wagen würde, sie auch ihm aus dem Mund zu schließen. Annie zögerte kurz – und schoss dann blitzschnell dem Kaiser die Zigarre … aus der Hand. Trotz der positiven Schlagzeilen hinterher musste William Frederick Cody gestehen: Bei Gott, da wäre ihm, Buffalo Bill, vor Schreck doch beinahe des Herz in seine lederverstärkte Hose gerutscht.

Anja Knott ist Historikerin und Pädagogin in Berlin. Sie arbeitet am Aufbau einer öffentlichen Bibliothek zur Pädagogischen Geschichte der DDR und aktuell an einem Buch über die Berliner Inseln.

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