15 Jahre Bürgerstiftung : Zeit, Geld, Ideen

Heike Maria von Joest und Joachim Braun im Gespräch über die Zukunft der Bürgerstiftung Berlin.

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Stein auf Stein. In 15 Jahren konnten viele Projekte angepackt werden. Ein aktuelles Thema ist die Unterstützung von Roma-Kindern.
Stein auf Stein. In 15 Jahren konnten viele Projekte angepackt werden. Ein aktuelles Thema ist die Unterstützung von Roma-Kindern.Foto: imago

Frau von Joest, wo sehen Sie die Bürgerstiftung in 15 Jahren?

VON JOEST: In 15 Jahren ist die Bürgerstiftung Berlin eine in der Bundeshauptstadt breit aufgestellte Plattform, auf der die Zivilgesellschaft in den Bereichen Bildung, Kultur und Integration Projekte durchführt. Jeder Bürger kennt uns. Schulen, Kindergärten, Vereine kommen auf uns zu. Und das Schönste ist: Wir haben bis dahin mehrfach geerbt und können die Ausgaben, die wir für unseren immerhin noch sehr kleinen Overhead brauchen, aus den Zinserträgen unseres Stiftungskapitals finanzieren.

Was ist für Sie die herausragende Entwicklung der letzten fünf Jahre?

VON JOEST: Ich habe den Mitarbeitern genau diese Frage gestellt. Sie haben gesagt, es sei die deutliche Zunahme an Professionalität in unserer Arbeit, die daher kommt, dass viele lange dabei sind und wir uns zwischen Ehrenamt und Hauptamt wahnsinnig gut verstehen.

BRAUN: In meinen Augen ist es die Tatsache, dass wir den Kreis der Interessenten sehr viel weiter bekommen haben. In den Anfangsjahren war die Bürgerstiftung eine sehr ehrenwerte Vereinigung geldferner Gutmenschen. Inzwischen haben wir auch Kontakt zu Menschen, die über Geld verfügen und uns unterstützen können. Es ist gelungen, eine Milieuschranke zu überspringen. Sie machen mit eher geringen Mitteln beeindruckende Arbeit.

Warum ist es in Berlin so mühsam, Stiftungskapital aufzutreiben?

BRAUN: Weil Berlin strukturell eine arme Stadt ist – was stark mit seiner Geschichte zu tun hat. Das ändert sich zum Glück gerade! Es sind mehr wohlhabende Menschen nach Berlin gekommen. Das bürgerschaftliche Engagement hat sich herumgesprochen, hat Anklang gefunden. Das ändert aber nichts daran, dass Berlin im Vergleich zu Städten wie Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt oder München immer noch eine arme Stadt ist und dass für die Idee des bürgerschaftlichen Engagements und des Mäzenatentums noch viel geworben werden muss.

Was bedeutet die niedrige Verzinsung von Anlagen für Ihre Arbeit?

VON JOEST: Wenn man so ein geringes Stiftungskapital hat wie wir, ist das ein großes Problem. Um die ausbleibenden Zinserträge zu kompensieren, müssen sie ein aktiveres Fundraising machen. Das hat auch etwas Gutes, denn die Spender brauchen Transparenz, wollen sehen, dass das, was sie uns anvertrauen, tatsächlich bei den Kindern ankommt.

Stimmt es, dass Sie auf der Suche nach einem reichen Erbonkel sind?

VON JOEST: Oh ja, nicht nach einem, nach mehreren. Das ist der große Traum. So sind in Amerika sehr große Bürgerstiftungen entstanden, die heute Förderstiftungen sind. Das heißt, sie sind in der Lage, die Ideen, die Menschen aus den Kommunen an sie herantragen, direkt zu finanzieren – die Idealversion einer Bürgerstiftung.

Sie sind also für Zustiftungen ein attraktives Ziel?

VON JOEST: Absolut. Wir bemühen uns auch, das jeden Tag in unserer Arbeit zu visualisieren.

Welche gesellschaftlichen Brachen wollen Sie als nächstes angehen?

BRAUN: Wir wollen uns künftig dem Thema Roma widmen. Der Zuzug von Roma vor allem nach Neukölln ist enorm. Einige Schulen sind schon sehr fleißig an der Arbeit, aber das ist ein Problem, das der Staat mit seinen Institutionen nicht allein lösen kann. Er ist dringend auf die Mithilfe der Bürgergesellschaft angewiesen.

Wie kann sich der interessierte Bürger bei Ihnen engagieren?

VON JOEST: Am besten, er ruft uns an, kommt vorbei und wir sprechen über seine Interessen und das, was er mitbringt: seine Fähigkeiten und die Zeit, die er investieren will. Dabei kristallisiert sich schnell heraus, ob jemand sich als Pate einbringen möchte oder seine Stärke eher darin sieht, die Organisation weiterzuentwickeln und im Kernteam um die Geschäftsstelle herum mitzuarbeiten.

Sie wünschen sich also Zeit oder Geld?

VON JOEST: Wir wünschen uns auch Ideen und die Kommunikation von Defiziten. So ist etwa das Thema Roma an uns herangetragen worden.

Sind Sie mit dem Engagement der Berliner bis jetzt zufrieden?

VON JOEST: Sie müssen Wachstum auch bewältigen können. Es nützt nichts, einen Zulauf an Ehrenamtlichen zu haben, den sie nicht bedienen können, wenn sie diesen wirklich liebevollen Menschen nicht genügend Aufmerksamkeit schenken können. Wir wollen auch nicht, dass das Geld auf Konten herumliegt. Es bedarf eines konstanten Weges und eines konstanten Wachstums. Ich habe im Moment das Gefühl, dass unser Tempo gut ist. Ich habe überhaupt keine Angst davor, im finanziellen Bereich schneller zu wachsen und damit auch neue Projekte zu machen.

Bieten Sie Ihre Patenschaften an oder werden Sie danach gefragt?

VON JOEST: Die Nachfrage ist wesentlich höher als das, was wir bedienen können. Insbesondere, wenn es sich um neue Kieze handelt, aus denen wir noch keine Ehrenamtlichen haben.

Sehen Sie sich auch als politischen Player?

BRAUN: Nicht im parteipolitischen Sinn; unsere Unabhängigkeit ist uns ein hohes Gut. Aber natürlich betreiben wir Gesellschaftspolitik, weil wir uns Teilen der Gesellschaft zuwenden, die Zuwendung dringend brauchen. Sich für Kinder aus benachteiligten Familien einzusetzen, ist hoch politisch.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von der Politik?

VON JOEST: Wir bleiben auf jeden Fall unabhängig, werden den Großteil unserer Mittel aus der Zivilgesellschaft beziehen. Ich fühle mich gut vernetzt in der Stadt, in den Senat hinein und in die Bezirksämter. Wir machen keine großartigen politischen Initiativen. Unser Rat wird gesucht, das ist uns wichtig.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt.

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