20 Jahre Mauerfall : Im Mauerschatten

Der Betonwall war ein Monstrum, aber man hatte sich an ihn gewöhnt, hüben wie drüben. Auch in den letzten Jahren vor der Wende war er für Schlagzeilen und Proklamationen gut. Der Alltag der Berliner blieb durch die Grenze geprägt. Die Erlebnisse dort waren selten spektakulär.

Andreas Conrad,Lothar Heinke
Mauer
John Runnings bearbeitet 1986 die Mauer am Potsdamer Platz. -Foto: pa/dpa

HAUPTATTRAKTION



Fünf Jahre vor dem Mauerfall, im August 1984, veranstaltete die Edeka-Kundenzeitschrift „Die kluge Hausfrau“ ein Preisausschreiben. Zehn Städten mussten je ein Fluss und eine „Sehenswürdigkeit“ zugeordnet werden, München etwa die Isar und der Viktualienmarkt, Wien die Donau und die Reitschule. Auch Berlin gehörte zu den Rätsel-Städten. Als Fluss war die Spree zu nennen, als Top-Attraktion galt der in Hamburg ansässigen Redaktion – die Mauer.

FOTOGRAFIEREN VERBOTEN!

In Ost-Berlin hieß die Mauer offiziell „antifaschistischer Schutzwall“ oder „Staatsgrenze“. Man sah sie immer nur von Weitem, Schilder warnten schon mindestens 50 Meter vorher: „Grenzgebiet! Betreten und Fotografieren verboten“. Wer hier wohnte, musste sich ausweisen.

GRUSELPROGRAMM

Berlin ist eine Reise wert – das glaubten in den Vorwende-Jahren immer mehr Touristen. 1985 war ihre Zahl im Westteil in einem Jahr um fast elf Prozent auf 1,682 Millionen gestiegen. Die Grusel-Mauer gehörte zum Pflichtprogramm. Offizielle Besucher wurden zu Brandenburger Tor und Checkpoint Charlie transportiert, für private Gäste hatte jeder West-Berliner spezielle Ecken. Auch die Bernauer Straße Ecke Gartenstraße in Wedding gehörte dazu. Die Mauer bildete dort einen rechten Winkel, Lebensmüde konnten mit Vollgas in den Tod rasen. 1987 gab es fünf solcher Vorfälle. Da die Fahrzeuge im „Unterbaugebiet“, auf Ost-Terrain, zerschellten, wurde erst zwischen DDR-Grenzern und den hier zuständigen Franzosen verhandelt, bevor die Wracks geborgen werden konnten.

LEITERN AN DIE KETTE

Im Osten hätte es genügt, auf die Mauer zuzulaufen oder sie zu besteigen. Die Grenzwächter machten beim Grenzverletzer „von der Schusswaffe Gebrauch“. Wenn es nicht tödlich endete, dann aber im Knast. Ganz Mutige hatten aber manchmal Glück, so ein junger Mann, der in Hohen Neuendorf in einem günstigen Augenblick mithilfe einer langen Leiter über die Mauer kletterte und plötzlich in der Frohnauer Invalidensiedlung stand. Als dies ruchbar wurde, durchkämmten Stasi-Mitarbeiter die Häuser und Gärten der Leute im Schatten der Mauer und fragten: „Haben Sie eine lange Leiter?“ Wer „ja!“ sagte, wurde verpflichtet, sein Gerät an die Kette zu legen.

PATRONENHÜLSEN

In Dreilinden alles wie gewohnt, gelangweilte Westbeamte, der Pulk der Tramper. Einfädeln in eine Warteschlange, wie üblich ist es die langsamste. Auch die Frage des DDR-Grenzers Routine: „Waffen? Funkgeräte? Kleinkinder?“ Nichts. Wirklich nichts? Der Kugelschreiber! Glitzernd liegt er in der Konsole. Scheinbar aus drei Patronenhülsen zusammengesetzt, in einer Geschossspitze auslaufend, mit eingraviertem Herstellernamen: Heckler & Koch. Eine Aufmerksamkeit für Geschäftsfreunde der westdeutschen Waffenschmiede. Ist das erlaubt, kommt jetzt die Stasi? Eine Schrecksekunde nur, rasch vorbei. „Weiterfahren!“

AM WEISSEN STRICH

Wer die Grenze gen Westen hinter sich lassen konnte, tat dies meist als Rentner, mit S-Bahn oder Fernzug „nach drüben“. Da brachte der Sohn die Mutter oder Oma zum Bahnhof Friedrichstraße und schleppte die Koffer bis zur Tür des Tränenpalasts. Nun musste Oma selber sehen, wie sie klarkam, vorbei an den Grenzern, in den Fernbahnhof hinein, und dort sah sie in einer Art Balkon über den Gleisen wieder Grenzer mit Maschinenpistolen. Ungefähr 30 Zentimeter von der Bahnsteigkante war ein weißer Strich gezogen. Den durfte man erst „nach Anweisung“ überschreiten, wenige Minuten vor Abfahrt. Dann ging alles ganz schnell: Ein Knäuel von Koffern, Armen, Beinen verschwand im Waggon. Noch mal kalte Blicke, Kommandos – und bald die innere Befreiung: „Puh! Im Westen.“

RESTRISIKO

Auch wenn man nicht jeden Tag dran dachte, insgeheim fühlte man sich doch auf der Insel West-Berlin umzingelt, und jede Reise aufs Festland hatte ihr Restrisiko. Auf Radarfallen konnte man sich einstellen, auf einen versagenden Motor, einen Unfall nicht. Doch, es gab auch hilfsbereite Vopos und Grenzer, die anderen Westlern erlaubten, ein Pannenauto abzuschleppen. Fürs Grundgefühl bedeutungsvoller aber waren Vorfälle wie dieser aus dem Sommer 1984: Nachts auf der Transitautobahn bei Potsdam hatte ein Sowjetlaster auf dem Mittelstreifen gewendet, ein Motorrad mit zwei Männern aus Westdeutschland zu Fall gebracht und überrollt, dann war er weggefahren. Die bald eintreffenden Vopos wollten von den schwerverletzten Männern erst mal die Pässe sehen, Anrufe bei ihren Familien waren nicht möglich. Die Ständige Vertretung in Ost-Berlin wurde erst zweieinhalb Tage später informiert.

GUT BEWACHT

Die Ständige Vertretung in der Hannoverschen Straße war fast so gut bewacht wie die Mauer. Anfang 1989 waren mehrere DDR-Bürger dorthin „geflohen“: Sie gingen rein, aber nicht wieder raus, um die Ausreise zu erzwingen. Seither wurden die Wachen verstärkt, es wimmelte von Stasi in Zivil, man erkannte sie sofort: junge Leute, misstrauisch und scheu, mit den immer gleichen Henkeltäschchen, Schuhen, Hosen, Windjacken aus der Asservatenkammer. Nur Mutige bahnten sich den Weg in dieses Stückchen BRD. Später mussten sie den Ausweis zeigen.

MAUERTHEATER

Jede Mauer hat zwei Seiten, auch im übertragenen Sinne. Es gab die Mahnmale im Westen für die erschossenen Flüchtlinge, einige im Osten für im Dienst getötete Grenzer. Doch es gab auch die Mauer idyllen, das Schrebergartenglück im stillen Winkel. Beispielsweise in den bis 1988 von Grenzanlagen eingekesselten, nur über einen besonderen Weg unter Ostaufsicht zu betretenden Westkolonien Fichtewiesen und Erlengrund in Spandau, in Havelnähe gegenüber von Konradshöhe. Auch in der Innenstadt sah man die Grenze praktisch, so an der Waldemarbrücke. Auf der Friedrichshainer Seite war der Brückenbogen durch die angrenzende Mauer abgeschlossen, auf Kreuzberger Seite hatte man zwischen Boden und Brückenkante ein westliches Gegenstück hochgemauert. Eine Tür war eingefügt worden, den so entstandenen Raum nutzte das Gartenbauamt zur Lagerung seiner Geräte. 1988 wollte man durch Abriss der Westmauer ein Amphitheater zu schaffen, mit der Brücke als Dach. Daraus wurde nichts.

IM STILLEN WINKEL

Idyllische Kleingärten direkt am Todesstreifen gab es auch im Osten. Wer sich daran nicht störte, hatte seine Ruhe. Ab und zu knatterten Grenzer auf Motorrädern vorbei, Kaninchen gediehen prächtig. Um solche Laubenpieper zu besuchen, brauchte man einen Verwandtschaftsgrad und einen Passierschein. Einmal wollten wir spontan Freunde im Grenzgebiet besuchen. Sie holten uns eine Straßenecke vor dem Schlagbaum ab, wir legten uns auf die Trabbi-Rückbank, Decke drüber und durch. Retour das Gleiche.

RAMBO MUSS RAN

Der Sisyphos der späten Mauerjahre weißte unentwegt die Mauer, die kurz danach wieder bunt war wie zuvor. Sie war aber nicht nur die größte Freiluftgalerie der Welt, sondern zog unterschiedlichste Kreuz- und Querdenker, Selbstdarsteller, Käuze und Propheten an. So montierte der schwäbische Bildhauer Peter Lenk im Dezember 1985 an eine Aussichtsplattform am Checkpoint Charlie für einige Tage drei „Mauerkieker“, Gipsfiguren auf sechs Meter langen Stelzen, bewaffnet mit Fernglas und Fotoapparat – eine Persiflage auf den touristischen „Mauerjahrmarkt“. Ein Jahr später erklomm der amerikanische Friedensaktivist John Runnings ebenfalls nahe Checkpoint Charlie die Mauerkrone und bearbeitete sie mit einem Hammer, Start zu einer ganzen Reihe ähnlicher Aktionen. Und Silvester Stallone wollte die Präsentation von „Rambo III“ im Frühsommer 1988 gleich für eine medienwirksame Stippvisite in Ost-Berlin nutzen. DDR-Grenzer wiesen ihn als unerwünscht ab, er wich ins Haus am Checkpoint Charlie aus und geriet in die Pressekonferenz über eine geglückte Flucht: Ein West-Berliner hatte seine Ost-Berliner Freundin im präparierten Mini über die Grenze geschmuggelt.

NACHRICHTENSPERRE

Fluchtautos, -ballons, erfolgreiche Kletterpartien – der normale Ost-Berliner las davon in seiner Zeitung nichts. Aber West-Berlins Radio und Fernsehen ließen ihn dennoch an jenen Geschichten teilhaben.

MÜLLKIPPE OST

Für die meisten bedeutete die Mauer Einschränkung, Unterdrückung, für einige auch Freiraum. Zum Beispiel bot sie West-Berliner Hausbesetzern die Möglichkeit, auf eine kostspielige Müllabfuhr zu verzichten. Die Müllsäcke einfach rüberwerfen – billiger kann man es nicht haben. Und wer kein leerstehendes Haus fand, es vielleicht gar nicht suchte, schob den Bauwagen kurzerhand in den Mauerschatten, wie eine Gruppe Obdachloser dies noch kurz vor dem Mauerfall in der Waldemarstraße praktizierte. Die West-Behörden konnten nichts machen, die im Osten ignorierten die ungebetenen Gäste. Dass dies auch im großen Stil funktionierte, hatten im Jahr zuvor die Besetzer des Lenné-Dreiecks vorgeführt.

WIE IM TRAUM

Im Osten war die Mauer fern, aber sie war immer da. Man hatte sich an sie gewöhnt, manchmal in Gedanken überwunden. Wenn die Flugzeuge über dem Pankower Bürgerpark ihre Fahrgestelle ausfuhren, sind wir im Geiste mit in Tegel gelandet. Wenn ich von meinem Arbeitsplatz über der Taubenstraße jeden Abend gegenüber einen erleuchteten Fahrstuhl in den Himmel gleiten sah, bin ich in Gedanken einfach mal in dieses Restaurant in der Stresemannstraße mitgefahren. Und dann war es plötzlich auch in der Realität möglich.

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