Stadtleben : 24 Promis in 24 Stunden

Aktion im Hauptbahnhof gegen Fremdenhass

G,a Bartels

„Was nicht mehr fremd ist, ist nicht mehr neu“, sagt Regisseur Pepe Danquart. Vor einigen Tagen hat der in Berlin lebende Oscar-Preisträger den deutschen Filmpreis für seine Dokumentarfilmproduktion „Working Man’s Death“ abgeräumt. Und heute ist er einer von 24 Prominenten, die ab 12 Uhr im Stundentakt zum Thema „Was ist fremd?“ befragt werden. Und zwar im Hauptbahnhof, in der mit Großbildschirmen ausstaffierten Austernbar.

300 000 fremde Menschen strömen jeden Tag durch den Bahnhof. Touristen und Berliner aus den über 180 Nationen, die in der Stadt leben. Ein sinnfälliger Ort also, den sich die beiden Interviewer Peter Felixberger und Michael Gleich für den Start ihres Projekts Culture Counts ausgesucht haben. „Wir wollen Aufmerksamkeit für den Wert kulturelle Vielfalt erzeugen“, sagt der Umweltpublizist Michael Gleich. So ein Interviewmarathon könne auch Leute erreichen, die sich beim Stichwort Multikuli sonst schaudernd abwenden. „Wir haben unsere Gesprächspartner nicht wegen ihrer Position, sondern als spannende Personen eingeladen, die sich zwischen verschiedenen Welten bewegen.“

Vielfalt als Chance ist die Devise des hoffnungsfrohen Projekts, das bei zunehmender Globalisierung das Lernziel „interkulturelle Kompetenz“ beschwört. Einige Jahre lang will Culture Counts Modelle geglückten Zusammenlebens von Kulturen weltweit erkunden und sammeln. Und dann per Internet, Zeitungsessay, Fernsehreportagen und Sachbuch wieder unters Volk bringen. Auf der Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai soll das kulturelle Kaleidoskop vorgestellt werden. Die Aktion hat Vorbilder: die unter anderem von der UNESCO unterstützen Vorgängerprojekte „Peace Counts“ über Friedensstifter in aller Welt und „Life Counts“ über die biologische Artenvielfalt. Letzteres wurde 2000 ein internationaler Sachbuchbestseller.

In Shanghai hatte Filmemacher Pepe Danquart, der heute Abend um 21 Uhr interviewt wird, neulich ein sehr plastisches Fremdheitserlebnis. „Da donnerten direkt vor meinem Hotelfenster die Autos auf der Autobahn lang. Im 9. Stock! Echt futuristisch.“ Ihn interessieren zwischen Menschen und Völkern mehr die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten. Letztere milderten allerdings die Angst vor dem Unbekannten. „Deshalb stehen ja Leute am Amazonas und sagen: Mensch, hier sieht’s aus wie im Schwarzwald.“

Fremdeln ist normal, findet Gayle Tufts, 47. Die Entertainerin hat ihren privaten Clash der amerikanischen und deutschen Kultur in Bühnenprogrammen verwurstet und ist ebenfalls im Hauptbahnhof dabei. „Jedes Kind braucht ein paar Tage, um Neues zu akzeptieren“, sagt die Ex-Kindergärtnerin.

Zum Line-up des Interviewmarathons gehören außerdem Autorin wie Silvia Bovenschen, Zirkusdirektor André Sarrasani, Journalist Gerd Ruge, Schauspielerin Maria Simon, Thilo Bode von „Foodwatch“, Menschenrechtlerin Seyran Ates und Samstagmorgen um drei ein Experte für Esskultur: Sternekoch Michael Hoffmann vom „Margaux“. Der antwortet auf die Frage, was für ihn fremd sei: „Heuschrecken oder Schlangen auf dem Teller müssen in Berlin nicht sein.“ Auf Reisen würde er aber schon mal über den Tellerrand schauen. Gunda Bartels

„Was ist fremd?“ läuft von heute 12 Uhr bis morgen 12 Uhr in der Austernbar des Hauptbahnhofs. Das genaue Programm ist im Internet unter www.culture-counts.de zu finden.

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