„48 Stunden Neukölln“ : Kunst mit Seeblick

Obendrauf und untendrunter: Bis Sonntag zeigen Künstler bei den „48 Stunden Neukölln“, wie viel buntes Leben im Problembezirk steckt.

G,a Bartels
Neukölln
Proben zur Performance "Parking" -Foto: David Heerde

Neukölln liegt doch am Meer. Möwen schreien, der Wind zerrt an den Haaren und Wolkengebirge schieben sich vor die Abendsonne. Nur dass die Vogelschreie aus den Kehlen des Experimentalchors von Rebekka Uhlig kommen und hier oben auf dem Parkdeck der Neukölln Arcaden einzig das Berliner Häusermeer zu sehen ist. Das aber ist ebenso facettenreich wie Uhligs originelle Performance „Parking – einen Platz finden“.

Heute Abend ist die verspielte Komposition beim Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln zu sehen. Eine von 350 Kunstaktionen an 160 Orten zwischen Reuterkiez und Körnerpark. Bis Sonntagabend wird in Neukölln zu Wasser, zu Lande und in der Luft gesungen, getanzt, gelesen und hergezeigt, was der Problemkiez hergibt. Drinnen und draußen, mit Hightech oder einfachen Mitteln und fast immer umsonst.

Zwei blonde Touristinnen aus Schweden, die sich aufs Parkdeck in der Karl-Marx-Straße verirrt haben, betrachten verdutzt die Generalprobe des Chors. Ob das ein religiöses Ritual sei? Nach der Erklärung „Nö, Kunst!“ fangen sie an zu lachen und machen erst mal ein paar Fotos. Festivalleiterin Ilka Normann lächelt zufrieden. Seit die 48 Stunden Neukölln 1999 sozusagen als eine Imagekampagne gegen den Spiegel-Artikel „Endstation Neukölln“ vom Kulturnetzwerk des Bezirks erfunden wurden, seien sie nicht zu stoppen, sagt die Kulturmanagerin. „Das ist eine sehr lebendige Gegend hier. Mit niedrigen Mieten, vielen Freiräumen und vor allem guten Netzwerken.“ Geld gibt’s keins bei dem „No-Budget statt Low-Budget-Festival“. Das hält Neuköllns arme Künstler und engagierte Erwerbslose jedoch nicht davon ab, Schüler-und Migrantenkunstprojekte inklusive.

Für ausländische Neuköllner und Gäste bietet das Festival Samstag ab 11 Uhr einen besonderen Service. Am Rathaus Neukölln parkt ein Wohnmobil, das eine Telefonzelle ist. Um umsonst nach Hause zu telefonieren. Allerdings muss man bei der Kunstaktion „Who’s on the line? Call for free!“ des Spaniers Josep-Maria Martin damit rechnen, von einem Schriftsteller ausgequetscht zu werden und in einem Buch zu landen, das auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert wird.

Den Weg durch den Kunstdschungel bahnt man sich am besten von einem der sieben in den Kiezen verteilten Infopunkte aus. Dort gibt’s Neukölln-Karten und Programminfos. „Klimazone Neukölln“ sei dieses Jahr der Festivaltitel, sagt Ilka Normann. Damit sei irgendwie alles gemeint: Klimawandel, Globalisierung, aber auch das manchmal aufgeheizte Binnenklima und die Außenwirkung des Bezirks. Die hat in den Augen der beiden jungen Schwedinnen durch die Kunsteinlage auf dem Parkdeck sichtlich gewonnen. „A very nice surprise“, sagen sie und ziehen grinsend weiter.

Der Startschuss fällt heute um 19 Uhr in der Passage an der Karl-Marx-Straße. Programminformationen unter www.48-stunden-neukoelln.de oder Telefon 68 24 78 21.

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