68er-Generation : Weichei trifft Revoluzzer

1968 trifft 2008: Rainald Grebe stimmt sich mit seiner Kapelle der Versöhnung im Tipi auf die 1968er ein. "Die Show ist wie ein LSD- Rausch, ohne dass man es merkt", sagt er.

Liva Haensel
Grebe
Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung -Foto: Spiekermann-Klaas

Eigentlich sei er „weicheiig“ und mische sich nicht in die großen Weltthemen ein, sagt Rainald Grebe. Den Anspruch des Künstlers, die Menschen zu verändern und ihre Geistesverfassung umzukrempeln, nein, das sei nicht sein Ding.

Dann setzt sich das Weichei, eingehüllt in eine braune Strickjacke mit Würfelmuster, auf die Bühne im Tipi-Zelt und singt drauflos. „Die 68er sind an allem schuld. Die Ehe hielt bis zur Beerdigung und nicht bis zur Selbstverwirklichung“, singt Grebe aus voller Kehle. Begleitet bei seinem neuen Programm „1968“, das am 28. März im Tipi am Kanzleramt startet, wird der Kölner Liedermacher von seiner „Kapelle der Versöhnung“. Marcus Baumgart mit Engelsflügeln an der Gitarre und Martin Brauer am Schlagzeug bilden den Rahmen für Grebes Wort- und Musikshow.

Dieses Mal gibt es keine Seitenhiebe auf ausgebrannte Bundesländer am Piano. Grebe nimmt sich lieber die gebeutelte 68er-Generation vor – oder etwa doch nicht? „Die Show ist wie ein LSD- Rausch, ohne dass man es merkt. Das weiße Kaninchen führt uns durch die Geschichte wie in Alice im Wunderland“, sagt Grebe und zieht den Rauch seiner Zigarette tief ein. Also keine Hommage an Rainer Langhans, keine wilden Lieder, keine Janis Joplin? „Doch“, sagt Grebe, aber anders. In „1968“ verlegt der 36-Jährige einfach die Jahreszahl nach vorne. 1968 trifft 2008, darum soll es gehen. Und das sieht dann so aus, dass Janis Joplin eben auch mal eine Energiesparlampe eindreht und über die Gesundheitsdiktatur palavert. „Die 68er treffen auf Bürgerlichkeit, und was passiert dann? Die politische Rebellion kann man doch heute in der Tüte rauchen“, sagt er. Die Idee zur Musikshow kam ihm im letzten Sommer, weil „alle auf den 68ern rumhackten, obwohl die doch etwas geschafft haben“. So verspricht die Show raffinierte Wortspiele von Süß bis Böse, für die das Publikum ihn liebt.

Die neue Spießigkeit der Mittdreißiger werde dem Sänger selbst klar, wenn er jetzt in die Gesichter 20-Jähriger schaue. „Da bin ich auf einmal alt“, sagt Grebe. Brandenburg werde in „1968“, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle spielen - als Ort, an den der Bürger fährt, um nachbarschaftliche Kontakte zu seinem persönlichen Bio- Bauern zu pflegen. Grebe sagt das mit grinsendem Gesicht. Bis zu der Uraufführung will er mit der Kapelle der Versöhnung noch Tag und Nacht proben, damit die „Weiterbildungsveranstaltung“ am kommenden Freitag dann auch klappe. Das Weichei ist nicht faul. Aber manchmal ein wenig giftig. Liva Haensel

Rainald Grebe „1968“ im Tipi, 28.3.–6.4. Di-Sa 20.30 Uhr, So 19.30 Uhr; 19.5.–10.6. Mo–Di 20.30 Uhr, www.tipi-das-zelt.de, Tel: 0180/327 93 58.

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