90. Geburtstag : Curth Flatow: Die Westmacht

"Oh je, ist der alt geworden" – das war der meistgehörte Satz am Sonntag im Theater am Kurfürstendamm. Hier traf sich, in die Jahre gekommen, das West-Berliner Milieu, um den 90. Geburtstag dessen zu feiern, der mit unzähligen Stücken, Gedichten und Drehbüchern den Sound dieser Stadt mitgeschrieben hat: Curth Flatow.

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Flatow
Klein, gebrechlich, neunzigjährig, erfolgreich: Curth Flatow bei seiner Geburtstagsfeier in einer Loge des Theaters am...Foto: Davids/Darmer

Mit 90 muss man nicht mehr konsequent sein. Curth Flatow hat sich für die Matinee zu seinem Geburtstag zwar gewünscht, dass es von der Bühne herab keine Reden und Huldigungen geben möge. Doch nun sitzt er, klein, gebrechlich, in seiner engen Loge im Theater am Kurfürstendamm und grinst übers ganze Gesicht, während die Huldigungen auf ihn einprasseln, von der Bühne, aus dem Zuschauerraum. Jürgen Wölffer, der langjährige Prinzipal der Kudamm-Theater, hält eine kleine Rede, Otfried Laur, der Chef des Berliner Theaterclubs, sagt ein paar Worte – und irgendwie ist alles, was die altgedienten Bühnenstars in den folgenden Mittagsstunden dieses Sonntags tun, ein fortgesetztes Loben und Preisen auf den wohl erfolgreichsten deutschen Bühnenautor.

Flatow hat sich das redlich verdient. Statistik ist müßig, wenn es darum geht, so etwas Subjektives wie den Erfolg zu messen – aber über 50 Kabarettprogramme, 400 Liedtexte, 30 Drehbücher, unzählige Theatertexte sprechen für sich. Und: „Ich habe so viele Gedichte gemacht in meinem Leben“, sagte er in einem Interview, „das können Sie sich gar nicht vorstellen.“ Gedichte waren für ihn eine Art Ersatzwährung: „Wir waren früher sehr arm, und so habe ich immer ein Gedicht verschenkt zum Geburtstag.“ Sein jüdischer Vater, der sich selbst als „Gesangskomiker“ bezeichnete, verschwand 1937 spurlos in den Händen der Nazis, seine christliche Mutter hielt die Familie zusammen.

Er selbst verdiente sein erstes Geld in einem jüdischen Konfektionsunternehmen, dessen Geschichte er in seinem Bühnenstück „Durchreise – Geschichte einer Firma“ thematisierte. Seine Mutter lieferte den Hintergrund für das 1962 uraufgeführte Stück „Das Fenster zum Flur“, (Co-Autor Horst Pillau), das vor allem als Paraderolle für Inge Meysel in Erinnerung geblieben ist. Es hat aber längst den Weg in die halbe Welt gefunden und wird immer wieder ausgegraben, zuletzt 2008 im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, wo wieder einer von zahllosen Rezensenten befand, es gebe Stücke, die überhaupt nicht altern.

Flatows Kunst war nie eine fürs gehobene Feuilleton. Seine Stücke wurden als „Boulevard“ abgetan, als Späßchen für ältere Besucher, denen es irgendwie an Intellekt und Stehvermögen fürs große Regietheater mangelte. Viele Insider können noch im Detail herbeten, wo überall in Berlin Peter Stein seine überlebensgroßen Klassikeraufführungen inszeniert hat; dass das Hebbel-Theater ab 1968 Flatows „Das Geld liegt auf der Bank“ mit Rudolf Platte in der Hauptrolle einige hundert Mal aufgeführt hat, bis der populäre Mime schließlich als „Langspiel-Platte“ verulkt wurde, das liegt im Langzeitgedächtnis der Stadt viel tiefer verborgen.

Die Stadt, das ist in diesem Fall natürlich West-Berlin. Das Milieu der Kudamm-Theater um die Wölffer-Familie und Autoren wie Flatow oder Horst Pillau wurde nach der Wende geradezu zwanghaft beschworen, wann immer es darum ging, den stickigen, immer etwas rückwärtsgewandten und larmoyant mit sich selbst beschäftigten Westteil der Stadt zu karikieren. Umgekehrt wähnten sich jene, die diesem Milieu zugehörten, im Endkampf um das Frontstadt-Eingemachte und fürchteten, der soeben frisch verschiedene Realsozialismus wolle ihnen nun posthum die Lizenz zum Amüsiertsein entreißen, als nach dem Verkauf des Kudamm-Karrees das Ende der Bühnen drohte.

Jürgen Wölffer, der viele Flatow-Stücke inszeniert hat, traf diesen Punkt in seinen Bemerkungen auf der Matinee-Bühne: „Sie haben viel dazu beigetragen“, rühmte er Flatow, „dass Berlin sein viel beschworenes Rückgrat behalten hat“, der Autor sei geblieben, als viele die Stadt verließen. Gemeint war natürlich der vom Westen isolierte Westteil, dessen von der Mauer umzingelte Bürger sich ihres Zusammenhalts gern bei ein paar Piccolos in der Pause eines Flatow-Stücks versicherten, abgeschirmt gleichermaßen von den politischen Zumutungen des Kalten Kriegs und der Studentenbewegung, die im Boulevardtheater und seinen Klischees Gedanken der politischen Reaktion und Reste des verhassten Adenauer-Deutschlands ortete, sofern sie diese Szene überhaupt zur Kenntnis nahm.

Das war, zumindest soweit es das Werk Flatows betraf, ein Missverständnis, zumal in qualitativer Hinsicht. Denn Flatow ist vermutlich der einzige deutsche Nachkriegsautor, dessen Name in eine Reihe mit den internationalen Meistern des leichten Genres gehört, in eine Reihe mit Alan Ayckbourn, Neil Simon, Noel Coward. Ähnlich wie bei ihnen ist bei ihm die Ehe der Dreh- und Angelpunkt einer grundsätzlich heilen, von zivilisierten Bürgern bewohnten Welt, die durch Missverständnisse, Betrug, Dummheit und allerhand anderes Allzumenschliches aus dem Takt gerät und nur durch viel Türenklappen, neue Missverständnisse und, vor allem, witzig-elegante Dialoge gerettet werden kann. Der Erfolg Flatows liege darin, so resümierte Wölffer, dass seine Stücke „nie im Hinterhof, aber auch nie in den Schlössern“ spielten, sondern in der Mittelschicht, „also bei den Leuten, die auch ins Theater gehen“.

Darin lag vermutlich nicht einmal Kalkül des Autors. Er hat einfach immer nur über Dinge geschrieben, die mit seinem eigenen Leben zu tun hatten, aber er reicherte die professionell konstruierte Erheiterungsmechanik des jeweiligen Stücks fast immer mit zeitgeschichtlicher Substanz an und verhinderte so das Versinken im Flachsinn des schlichten Schwanks. Anni Wiesner, die von Inge Meysel dargestellte Portiersfrau im „Fenster zum Flur“, verkörpert die Nöte und Wünsche der Kriegsgeneration, die beim Aufräumen vor allem den Wunsch hat, ihren Kindern möge es einmal besser gehen. Der Generationenkonflikt in „Das Geld liegt auf der Bank“ spielt vor dem leichthändig eingeflochtenen Hintergrund der 68er Jahre, viele spätere Stücke und Fernsehserien thematisierten die Legitimationskrise der Kleinfamilie – allen voran die sensationell erfolgreiche Serie „Ich heirate eine Familie“ mit Thekla Carola Wied und Peter Weck. Am Ende, das ist typisch Boulevard, wird alles wieder gut, das ist bei Flatow nicht anders; aber bevor der magenkranke „Mann, der sich nicht traut“, doch wieder in den Ehehafen einläuft, hat er zumindest den seinerzeit aktuellen Stand der Ehekritik referiert. Georg Thomalla gab diesen durchgedrehten Standesbeamten allein etwa 1500 Mal, davon 500 Mal in Berlin, und das Stück zählt längst zum eisernen Bestand sämtlicher deutschsprachiger Amateur- und Tourneetheater.

Der schauspielende Kern des Flatow-Universums – und damit West-Berlins – ist dennoch in Ehren ergraut und kaum noch aktiv. „Oh je, ist der alt geworden!“ – das war vermutlich der meistgesprochene Satz am Rande der Matinee am Sonntag. Peer Schmidt, der ein Kästner-Gedicht vortrug, Wolfgang Spier, auch schon fast 90, Edith Hancke und Klaus Sonnenschein, die einen längeren Dialog vortrugen, der einst ewig preußisch kerzengrade und doch längst gebeugte Friedrich Schoenfelder.

Mit Wolfgang Spier, Regisseur und Rampensau zahllloser Flatow-Uraufführungen, hat der Autor noch einen skurrilen Wettbewerb zu laufen. Hans-Jürgen Schatz, der Moderator der Matinee, schilderte die Gemengelage so: Spier betont, er sei noch keineswegs 90, Flatow entgegnet, es seien aber nur noch 261 Tage. „Ja, sagt Spier daraufhin, das seien aber Sommertage, die zählen doppelt.“

So oder so: Beide sind nicht mehr aktiv, wichtige Spielstätten wie das Hansa-Theater und die Tribüne gibt es nicht mehr, das Theaterleben hat sich in den Ostteil der Stadt verlagert, wo die leichte Eleganz des Flatowschen Boulevards kaum noch gefragt ist.Und selbst die Kudamm-Bühnen haben im Moment Sendepause, was ihren Lieblingsautor angeht. Jürgen Wölffer erklärte das mit Hinweis auf die großen Baupläne für das Kudamm-Karree: „Wir wissen nicht genau, was passieren wird, denn es kann nächsten Monat vorbei sein.“ Deshalb sei es nicht möglich, die gegenwärtig beliebtesten Bühnenstars zu verpflichten, die für den Erfolg unerlässlich seien. Aber, so schloss er, „auch im neuen Haus werden wieder Flatows gespielt.“ Der Autor selbst blieb im Dunkel der Loge unsichtbar. Doch es spricht vieles dafür, dass er sich darüber gefreut hat. Sein Vermächtnis hat er, typisch, schon in Gedichtform vorgelegt: „Ich find mein Leben ziemlich nett/und wenn einmal erlischt es/dann bringt es sicher die BZ/in der Rubrik Vermischtes.“

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