Abba-Musical : Einmal Dancing Queen sein

Björn Ulvaeus schrieb die Songs von Abba und das Musical "Mamma Mia!". Ein Besuch bei dem erfolgreichen Pop-Musiker in Stockholm.

Elisabeth Binder
Abba
Thank you for the music. Das Musical "Mamma Mia!" kommt nach seinem Erfolg in Hamburg nach Berlin. -Foto: promo

Wie ein Künstler sieht er nicht aus. Wie ein Großvater aber auch nicht. Mit der schwarzen Jeans, dem dunklen Jackett, dem grau-weiß gestreiften Hemd mit dem schneeweißen Kragen und seiner silbernen Brille erinnert Björn Ulvaeus ein bisschen an einen freundlichen, aber Respekt gebietenden Lehrer. Tatsächlich ist der 62-jährige Schwede einer der erfolgreichsten Pop-Musiker der Welt. Aus seiner Feder stammen die Hits von Abba, die in den 70er Jahren mit mehr als 350 Millionen verkauften Tonträgern zur erfolgreichsten Popgruppe nach den Beatles wurden. Aus den Hits wurde Ende der 90er Jahre das Musical „Mamma Mia!“, das derzeit in zehn Produktionen weltweit gespielt wird und bereits von über 30 Millionen Zuschauern gesehen wurde.

Er habe keine Ahnung, warum das so erfolgreich sei, sagt Björn Ulvaeus in dem schön gelegenen Stockholmer Ausflugsrestaurant Josefina, das er für ein Gespräch vorgeschlagen hat. Wirklich, er wisse es einfach nicht. Warum man sich das Musical anschauen sollte, weiß er hingegen schon: „Es macht gute Laune. Man fühlt sich besser hinterher. So viele Leute rund um den Globus haben es gesehen. Es muss also was dran sein. Man vergisst dabei seine Sorgen für ein paar Stunden.“

Zehn Jahre hat es gebraucht von der ersten Idee bis zur Fertigstellung des Musicals 1999, wobei für Ulvaeus besonders reizvoll war, ein Musical rückwärts zu schreiben. „Erst waren die Songs da, und daraus musste die Handlung entwickelt werden.“ Seine Vorgabe: An den Songs darf nichts geändert werden! „Hätte ich das Gefühl gehabt, dass die Musical-Produktion Abba oder den Songs schadet, hätte ich sie gestoppt.“

Wie es aussieht, ist das Gegenteil der Fall. 25 Jahre, nachdem die Gruppe, deren Sieg beim Grand Prix 1974 den Beginn einer beispiellosen Karriere markierte, auseinandergegangen ist, wirken die Lieder so frisch wie Björns Kragen. Sie sind Klassiker geworden, Volkslieder zum Mitsingen.

Trotzdem. Die Lieder in eine andere Sprache zu übersetzen, das kam lange nicht infrage. Björn Ulvaeus lächelt, als dieses Dauerbrenner-Thema zur Sprache kommt. Inzwischen wird das Musical in russischer und spanischer Sprache gespielt, auf Japanisch und Koreanisch, auf Holländisch und sogar auf Schwedisch. Die deutsche Version war die erste fremdsprachige und viele haben Ulvaeus gewarnt, sich darauf einzulassen. Warum denn? Man kennt die Songs schließlich auf Englisch. Aber Björn Ulvaeus hatte in der Schule Deutsch gelernt und ließ sich von einer Herausforderung reizen. Nachdem Michael Kunze Rohfassungen übersetzt hatte, feilte er selbst so lange an den deutschen Fassungen der Lieder, bis sie auch aus seiner Sicht wirklich saßen. Immer wieder hat Björn Ulvaeus sie sich selbst auf Deutsch vorgesungen, hier und da was geändert. Er ist ein Perfektionist und ein Mensch, der sich Zeit nimmt. Aber erst am Abend der Premiere hat er gesehen, dass es tatsächlich funktioniert. Was er danach empfand, beschreibt er mit einem einzigen Wort: „Erleichterung!“ Noch heute ist die deutsche Version seine Lieblingsvariante.

Immer wieder auch musste er dem Vorurteil entgegenwirken, die Geschichte habe irgendwas mit Abba zu tun. Die Geschichte von Abba sei sehr langweilig, sagt er. Darüber werde es nie ein Musical geben. Das wollten die anderen auch nicht. Obwohl sich beide Paare kurz vor Abbas Ende Anfang der 80er Jahre haben scheiden lassen, gibt es noch private Kontakte. Nach wie vor arbeitet Björn Ulvaeus eng zusammen mit Benny Anderson. Dessen Ex-Frau Anni Frid hat sogar in das Musical Geld investiert. Mit seiner eigenen Ex-Frau Agnetha Fältskog hat er inzwischen zwei Enkelkinder, was bedeutet, dass die beiden regelmäßig zusammenkommen, jedenfalls Weihnachten und an den Geburtstagen der Enkel.

An ein Comeback ist trotzdem nicht zu denken. „Wir hatten acht Jahre, in denen wir hart gearbeitet und unser Bestes gegeben haben. Wir waren auf dem Gipfel.“ Heute hat er keine Sehnsucht nach der Bühne. „Es ist besser, in einem Zimmer zu sitzen und die Songs zu schreiben, die andere singen“, sagt er. „Ich vermisse nichts.“ Später erwähnt er mal den Kick, den man erfährt in dem Moment, in dem man erkennt, dass ein Lied wirklich gelungen ist. „Das ist richtig, richtig gut.“ Da flackert einen Moment lang was auf, und er guckt so, als könne die Sehnsucht danach nie aufhören.

Björn Ulvaeus und Benny Andersson arbeiten nach wie vor viel gemeinsam, beschränken sich aber meist auf Schweden. Fünf Jahre haben sie sich Zeit genommen, ein weiteres Musical zu schreiben. „Mit dem Alter wird es schwieriger“, sagt Ulvaeus. „Wir haben verschiedene Stile ausprobiert, aber irgendwann hat man keine Stile mehr zum Ausprobieren.“ Er wirkt fast irritierend realistisch, so wie ja auch die Abba-Songs realistisch wirkten, weil sie von Eifersucht handeln oder von dem einen Mal, da man sich auf einer Tanzfläche als „Dancing Queen“ fühlen darf.

„Abba“ haben der unpolitischen Generation der Post-68er den Sound-Track gegeben, von der „Dancing Queen“ über „Knowing Me, Knowing You“ bis zu „The Winner Takes It All“. Mitte der 70er Jahre gehörten Abba zu den ersten, die Musik-Videos machten. Nicht avantgardistische, sondern lediglich bürgerliche Gründe waren dafür ausschlaggebend. „Unsere Kinder waren klein, wir wollten nicht so viel reisen.“ Weltweit präsent wollten sie dennoch sein.

Gerade wird das Musical in London verfilmt mit Meryl Streep und Pierce Brosnan. Tom Hanks ist der Produzent. Meryl Streep hat es zusammen mit ihren Kindern am Broadway gesehen und war so begeistert, dass sie anschließend einen dreiseitigen handschriftlichen Brief nach Schweden geschickt hat. Ulvaeus hat inzwischen gehört, wie sie bei den Filmaufnahmen „The Winner Takes It All“ sang und war begeistert: „Absolutely amazing. Sie ist fantastisch.“

Was er heute empfindet, wenn er die alten Songs wieder hört? „Es wäre ein Fehler zu denken, dass ich die dauernd höre“, sagt er freundlich lächelnd. Manchmal begegnet er sich im Radio. Dann hört er das Lied entweder zu Ende oder wechselt den Sender. Je nachdem, wie er sich gerade fühlt.

Fast wirkt er wie einer seiner Fans mit den sorgfältig geföhnten Haaren und der vollständigen Abwesenheit jener Zirkuspferd-Aura, die so viele der alten Rockstars haben, die von der Bühne nicht lassen können, Mick Jagger, Elton John oder Chuck Berry oder die Schlagerstars aus jenen Tagen, die ihre alten Nummern Abend für Abend vor besoffenen Horden am Ballermann zu Tode foltern. Vielleicht sind die Lieder deshalb so unabhängig von den Künstlern, die sie singen: Die vier Abbas haben ihre Lieder freigelassen, als sie selber auf dem Höhepunkt waren. Sie sind dahinter zurückgetreten, haben dem Werk damit ihre eigenen Falten erspart und alles Großelterliche, das mit einem langen bürgerlichen Leben kommt. Daran sind diese Songs enorm gewachsen, sind selbstständig geworden und besitzen heute weltweit einen Kultstatus, der mit der einstigen Band „Abba“ gar nicht mehr so viel zu tun hat.

Das Musical hat am Ende ja auch eine Botschaft, die bei der Abba-Generation wie bei deren Kindern gut ankommt, und die lautet: Die Eltern müssen ein bisschen verantwortungsbewusster und bürgerlicher werden und die Kinder ein bisschen unbefangener, wagemutiger und freier. Dann können sie sich finden in dem Gefühl „Danke für die Lieder“.

Björn Ulvaeus verabschiedet sich so höflich, wie er gekommen ist, und mit dem Hinweis, dass auf einer nahe gelegenen Insel seine Familie auf ihn warte. Zur Premiere will er aber auf jeden Fall nach Berlin kommen. Die Stadt hat er 1979 zuletzt gesehen. Von seinem persönlichen Gipfel aus.

„Mamma mia!“ wird vom 21. Oktober an im Theater am Potsdamer Platz gespielt. www.mammamia.de

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