Stadtleben : Aber bitte mit Abba

Morgen feiert das Musical „Mamma Mia“ seine Berlin-Premiere – mit den eingedeutschten Songs der Band. Die englische Inszenierung ist seit Jahren ein Hit

Elisabeth Binder

Wenn man in der Kneipe neben ihr sitzt, wirkt Melanie Ortner fast ein wenig spröde. Aber sobald sie auf der Bühne steht und zu singen beginnt, kriegt sie um die Augen so einen lächelnden Agneta- Touch und versprüht gute Laune. Die 26-Jährige spielt die Tochter Sophie, eine der beiden Hauptrollen in dem Abba-Musical „Mamma Mia“, das morgen seine Berlin-Premiere im Theater am Potsdamer Platz feiert. Die Musik von Abba hat sie durch ihre Mutter kennengelernt, die hat das gern zu Hause im Hintergrund laufen lassen. Auch die Rolle der Sophie ist ihr schon länger vertraut, die hat sie schon in Stuttgart gespielt. Die Handlung spielt auf einer griechischen Insel, wo sie zum Schrecken ihrer Mutter schon mit 20 heiraten will und das auch noch ganz traditionell. Heimlich lädt die Tochter drei Ex-Lover der Mutter ein, von denen einer ihr Vater sein muss.

Im wirklichen Leben lernt Melanie Ortner wenige Wochen vor der Berliner Premiere ihr Londoner Alter Ego kennen, die Schottin Hannah Robertson, die am Prince-of-Wales-Theater die Rolle der Sophie spielt. Sie ist fülliger und auch sonst ein ganz anderer Typ als die schmale blonde Klagenfurterin, aber das macht nichts. Nachdem sie am Abend die englischsprachige Version zum ersten Mal gesehen hat, springt Melanie Ortner auf und applaudiert stehend. In Stuttgart hat es der 26-Jährigen nichts ausgemacht, die Lieder auf Deutsch zu singen. Während sie für die Generation ihrer Mutter ja so eine Art Soundtrack der Jugend waren, kann sie selber die Musik mit künstlerischer Distanz behandeln. In London ist ihr erstmals aufgefallen, dass im Englischen manche Zeilen mit weniger Worten auskommen.

Ihr Lieblingslied ist „Durch meine Finger rinnt die Zeit“, eigentlich das einzige Lied in dem Musical, das kein typischer Ohrwurm ist. Unter den Liedern, die sie selber singt, ist „Thank You For The Music“ ihr Favorit. Zusammen mit der englischen Sophie gibt sie eine deutsch-englischen Kontrastprobe. Tatsächlich merkt man kaum, wo die eine Sprache in die andere übergeht.

Regisseur Paul Garrington, zuständig für alle europäischen und asiatischen Produktionen von „Mamma Mia!“, erklärt die Rolle der Darsteller, die sehr persönlich mit der Show verknüpft sind und jeder Produktion eine eigene Note geben. „Worüber man in England lacht, findet man in Japan nicht unbedingt auch lustig.“ Tatsächlich wirken die Figuren in der Londoner Aufführung „very british“. Nur die Lieder sind immer die gleichen.

Über die Jahre hat Garrington viele eiserne Fans beobachtet, eine Gruppe von Japanerinnen zum Beispiel, die zu jeder Premiere kommt, egal wo auf der Welt sie stattfindet, und die immer in der ersten Reihe sitzt. Neben der Tatsache, dass dieses Musical aus einer Aneinanderreihung von melodiösen Abba-Hits besteht, macht die Darstellung einer von Problemen nicht unbeladenen Freundschaft zwischen Mutter und Tochter das Stück natürlich für verschiedene Generationen interessant, schon weil es letztlich in der Frage gipfelt, ob die ältere Generation nicht etwas bürgerlicher werden sollte und die jüngere etwas unkonventioneller und wagemutiger.

„Die Leute sollen das Gefühl haben, die Menschen auf der Bühne persönlich zu kennen“, beschreibt Paul Garrington sein Ziel. Dieser unkomplizierte Anspruch macht wohl einen Teil des Erfolgs aus. Im Londoner Westend spielte das Musical seit der Premiere im April 1999 schon 155 Millionen Pfund brutto ein. Sogar in Moskau wurden seit der Premiere im Oktober letzten Jahres bereits 250 000 Tickets verkauft. In den letzten acht Jahren stand das Musical in über 160 Großstädten regelmäßig auf dem Spielplan, von Adelaide, Australien bis Zürich, Schweiz. Ob in Dubai oder Johannesburg, Belfast oder Calgary, Paris oder Tel Aviv, St. Louis oder Singapur: Bedarf für gute Laune à la Abba scheint es nach wie vor überall auf der Welt zu geben.

Auch in der Pop-Welt haben sich über die Jahre viele Abba- Fans geoutet, darunter Kurt Cobain, Bono und Tina Turner. Dabei sind die besten Songs, wie Björn Ulvaeus vor Jahren mal in einem Interview verriet, „zu Zeiten der schlimmsten Krisen“ entstanden. Die Schweden haben es halt unter allen Umständen raus. So wie Astrid Lindgren mit ihren Kinderfiguren treffen Abba mit ihren Liedern offenbar jenen Nerv, in dem sich die Sehnsucht versteckt.

Bei der Berliner Premiere am 21. Oktober kann Melanie-Sophie ihr Abba-Feeling vor ganz besonders berufenen Zuschauern inszenieren. Aus Schweden werden Björn Ulvaeus und Anni-Frid Reuss erwartet. Zuletzt waren sie mit ihren Partnern 1974 in Berlin, in jenem Jahr also, in dem beim Grand Prix in Brighton eine bis dato weitgehend unbekannte Band aus Schweden mit „Waterloo“ den Anfang zu einer beispiellosen Erfolgsstory setzte.

Mamma Mia, Theater am Potsdamer Platz, Aufführungen täglich außer am Dienstag, Kartentelefon 0 18 05 / 44 44.

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