Stadtleben : Abrechnung mit dem roten Bürgertum

Lesestunde für Konservative: Jan Fleischhauer stellt sein Buch „Unter Linken“ vor

Elisabeth BinderD

Auf den Barrikaden der Muff von mehr als 40 Jahren? Beim Edelitaliener „Adnan“ im gutbürgerlichen Teil Charlottenburgs knöpft sich am Montagabend eine handverlesene Gesellschaft aus Intellektuellen, Politikern und Managern das Establishment vor, und zwar das linke. Man trinkt Rotwein und knabbert Mozzarella- und Melone-Sticks zu Ehren von Jan Fleischhauers Abrechnung mit dem roten gehobenen Bürgertum. „Unter Linken. Von einem der aus Versehen konservativ wurde“, heißt es.

Die neue Toskana-Fraktion tickt, schon aus Protest gegen die arrivierten Linken, offensichtlich konservativ. Und über allem scheint der Gedanke im Raum zu schweben: „Endlich sagt es mal einer.“ Wer links ist, so die These von Spiegel- Autor Jan Fleischhauer, lebt in dem Gefühl, immer recht zu haben. So oft sich die Linken auch geirrt hätten, immer seien ihnen die besten Motive, die lautersten Absichten unterstellt worden. Vieles, was er lustig beschreibt, hat der Autor, aufgewachsen im Villenviertel als Kind einer leidenschaftlichen SPD-Mutter, selbst erlitten. Vor lauter politischer Korrektheit zu Hause habe er in seiner Kindheit auf Comics, Hollywoodfilme und Zitrusfrüchte verzichten müssen.

In dem Buch komme 53 mal das Wort „Mutter“ vor, rechnet Verleger Alexander Fest dem Autor vor. Der hat, was 68 als Revolution proklamiert wurde, bereits als Konvention vorgefunden. Links zu sein, bedeutete für ihn keine persönliche Befreiung, keinen Aufstand: „Links sein war Anpassung.“ Das bedeutete auch, dass die Lehrer das allgemeine Duzen mit den Schülern kraft ihrer Autorität durchsetzen konnten.

Dass sein Buch ausgerechnet im Rowohlt-Verlag erschienen ist, der früher die Werke von Che Guevara und Mao herausgebracht hat, hebt der Autor ironisch gerührt hervor: „Das zeigt doch, was man alles erreichen kann.“

Ist das jetzt schon das Fanal für eine konservative Zeitenwende? „Schön wär''s ja“, sagt der Historiker Arnulf Baring und weiß von heftigen Auseinandersetzungen über das Buch zu berichten. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat den Reden aufmerksam gelauscht: „Es gibt ja das konservative Lebensgefühl“, sagt er. „Mancher trägt es nur allzu verschüchtert im Herzen.“ Und Moderatorin Tita von Hardenberg ergänzt: „Ich glaube, dass er vielen aus der Seele spricht.“

Stark vertreten ist an diesem Abend der Springer-Verlag mit Matthias Döpfner an der Spitze und den Kolumnisten Franz-Josef Wagner und Hugo Müller-Vogg. Ex-US-Botschafter John Kornblum ist da, Gary Smith von der American Academy, viele Spiegel-Kollegen Fleischhauers. Der Vorstandsvorsitzende von Freenet, Christoph Vilanek, erzählt aus einer ganz anderen Welt, von seiner tiefkatholischen Heimat Tirol mit einer Zweidrittel-Mehrheit für die Konservativen und von dem roten Schwager, der zunächst in der Familie wie ein Aussätziger behandelt wurde. Deutschland habe ihn anfangs immer erschreckt.

Ein bisschen ist es wie das Coming-out einer Selbsthilfegruppe, die sich einig ist: „Deutschland ist links“. Und mehr als 40 Jahre nach 68 bedeutet links in diesen Augen eben auch angepasst, saturiert, spießig. Man redet sich fest, es geht länger als bei normalen Buchpräsentationen.

Die neue Toskana-Fraktion bekennt ihren Mut zum Unterhaltsamen. Es sei wohl das einzige politische Buch, in dem die Worte „Waschmaschine“ und „Körbchengröße“ vorkämen, sagt Alexander Fest, der im grauen Nadelstreifen auftritt. So dezent zelebrieren die Konservativen den Fortschritt. Elisabeth Binder

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Rowohlt. 352 Seiten. 16,90 Euro

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