Adel Tawil : Ich + Berlin

Adel Tawil ist zusammen mit Annette Humpe das Duo "Ich + Ich". Hier erzählt er von seinem Berlin: Wo er zur Schule ging, Wände besprühte – und warum er auf den Ku’damm steht

Ulf Lippitz
WIRECENTER
Adel Tawil: Die neue Single von "Ich+Ich" ging sofort auf Platz 1. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

ALTE FEUERWACHE



Musik wollte ich schon immer machen. 1993, als ich 15 Jahre alt war, wohnte ich mit meinen Eltern in einem Wohnblock in Siemensstadt, wir waren zu fünft in drei Zimmern. Im Kinderzimmer stellte ich zwei Kassettenrekorder auf, einer spielte Musik ab, ich rappte darüber, und das zweite Gerät nahm alles auf. Das klang so, als würde man durch eine Wand aufnehmen. Für ein Demoband war das zu schlecht. Freunde erzählten mir vom Hip-Hop-Mobil: Das war ein kleiner Lieferwagen mit Studioausrüstung, der verschiedene Freizeitzentren anfuhr. Ich vereinbarte einen Termin, einige Tage später fuhr ich mit meinem Freund Utena zur Alten Feuerwache in die Axel-SpringerStraße nach Kreuzberg.

Schon die Fahrt nach Kreuzberg war ein Abenteuer. Utena und ich passten in der U1 oder U8 höllisch auf, dass uns Kreuzberger Jugendliche nicht abzogen, uns kein Geld oder die Turnschuhe klauten. Am Ausgang der U-Bahn-Station Moritzplatz ist mir das mal passiert, ein paar Jungs wollten mein Geld, ich hatte aber keines und bin gleich weggerannt. Damals, Mitte der 90er, existierten in Wedding und Kreuzberg Gangs wie die Giants oder die Faitahs. Auf der Straße oder in der U-Bahn wurde man grundlos angemacht. Einmal raunte mir ein Typ im Bus zu: Wenn du nicht den und den kennen würdest, hätte ich dich jetzt abgestochen! Ich hatte einfach Glück.

In der Feuerwache nahmen Utena und ich unsere ersten Demos auf. Zuerst war das umsonst, später kostete es 30 Mark. Das Studio war im Grunde ein normaler Raum, ohne Gesangskabine und schalldichte Wände. Wir stellten das Equipment einfach in die Mitte und nahmen auf. Während wir auf das Hip-Hop-Mobil warteten, spielten wir im Innenhof Fußball – genau dort, wo noch heute der große Schriftzug „Alte Feuerwache“ gesprayt ist.

FREIHERR-VOM-STEIN-OBERSCHULE

Wer rappte, wollte auch sprayen. Anerkennung bekam man in der Szene, wenn man an die Schulwände taggte – also seinen Rappernamen mit Edding auf die Wand schrieb und ihn so bekannt machte. Ich nannte mich damals Disc.

Im Winter 1995 waren wir auf Klassenfahrt in Berchtesgaden. Gegenüber der Jugendherberge gab es eine riesige Wand. Der perfekte Platz, um zu zeigen: Wir sind Berlin – wir sind hier! Also schlich ich mich nachts hinaus, sprühte mit blauer Farbe meinen Namen in einer Größe von zwei Mal zwei Meter an die Wand, malte ihn aus und schattierte die Buchstaben. Dauerte nicht länger als eine Viertelstunde.

Ich war mir sicher, keiner meiner Freunde würde mich verpfeifen. Aber ein Mädchen bekam von der Sache Wind. Als die Tür unseres Zimmers aufging, der Lehrer eintrat, wusste ich: Mist, ich bin aufgeflogen. Zuerst musste ich meinen Schriftzug mit Terpentin und Lösungsmittel entfernen, das dauerte drei Stunden. Den Rest der Klassenfahrt wurde ich für den Küchendienst eingeteilt. Schließlich flog ich vom Gymnasium, weil ich mich nicht gestellt hatte. Die totale Erniedrigung.

Jahrelang hatten mir meine Eltern eingebläut, ohne Abitur wird nichts aus dir! Als ich an die Heinrich-Böll-Gesamtschule versetzt wurde, dachte ich: Sie haben recht. Die Schule lag im Johannesstift Spandau. Am ersten Tag kam ich auf das Gelände, vor mir stand ein riesiges Gebäude, das wie ein kleines, heruntergekommenes ICC aussah. Die Fenster waren zertrümmert, das Treppenhaus voll- gemüllt, die Klassenräume verwüstet. Ich bekam ein richtig mulmiges Gefühl.

Bis ich herausfand, dass ich auf dem alten Gelände stand, das asbestverseucht war und von niemandem mehr benutzt wurde. Das neue Gebäude befand sich dahinter und sah aus wie eine Ferienanlage: griechische Säulen, Bungalows, Rasen.

Das Sprayen gab ich an der Schule auf. Taggen schien mir sinnlos. Gute Bilder an Häuserwänden empfinde ich bis heute als Verschönerung, das Krakeln von Namen oder Hineinritzen in Zugscheiben hat aber nichts mehr mit der Romantik von Hip-Hop zu tun.

FUTURE CLUB

Mit 15 Jahren wollten wir unbedingt in Clubs gehen. Vor allem ins Future, einen Hip-Hop-Club in Zehlendorf. In der Nähe waren die amerikanischen Soldaten stationiert, viele Schwarze besuchten den Club, das gab dem Laden natürlich Authentizität. Eigentlich kam man erst mit 16 Jahren hinein, aber mir wuchs schon früh ein Bart, mit Augenzudrücken ging ich dann als 17-Jähriger durch.

Wenn wir gegen zehn an der Tür des Future standen, wurden wir nach Waffen durchsucht. Ein paar meiner Freunde hatten Pfefferspray oder ein Messer dabei, andere Schreckschusspistolen. Zur Verteidigung, falls es Stress-Situationen gab.

Ich hatte nie eine Waffe bei mir, seit ich einmal gesehen hatte, wie so eine Situation kippen konnte. Ein Freund geriet mit einem Typen aneinander, der zückte ein Messer, mein Freund wich aus, erwischte ihn dann am Arm, nahm dem anderen das Messer ab und bedrohte ihn damit. Der rannte weg. Ich sah ein, dass jeder, der eine Waffe trägt, damit rechnen muss, selbst angegriffen zu werden.

Der Club war sehr klein, nur ein Raum im Erdgeschoß, es gab eine Bar, ein DJ-Pult, eine Tanzfläche, mehr nicht. Mitglieder rivalisierender Gangs konnten sich kaum aus dem Weg gehen. Und regelmäßig sprengten Schlägereien zwischen ihnen die Partys. Dann stellte der DJ die Musik aus, das Licht ging an und die Security stürmte den Laden, um alle rauszuwerfen.

Wenn es wieder ruhig war, wurde getanzt. Sobald KC & JoJo oder Das EFX mit „They Want EFX“ aus den Boxen dröhnte, stürmten Utena und ich die Tanzfläche, in Baggy-Hosen und langen T-Shirts. Utena war ein begnadeter Tänzer. Manchmal bildeten wir Jungs einen Kreis, und Utena zeigte in der Mitte seine Breakdance-Kunststücke. Ich konnte nur den Moonwalk, der kam bei den Mädchen auch ganz gut an. Aber wenn man wie Utena den Helikopter konnte, dann war man der Chef: eine Figur, bei der man sich auf den Armen abstützte, während die Beine sich wie Rotorblätter drehten. Die Mädchen fanden das megasexy. Und die Jungs klopften dir auf die Schulter.

Im Future sah ich zum ersten Mal Hip-Hop-Kleidung außerhalb eines Musikvideos. Die Amerikaner trugen weite Jeans, Baseball-Shirts und tolle Sneakers. Ich bekniete meine Eltern, mir die Charles-Barkley-180er-Schuhe zu kaufen: schwarze Sneakers mit einer Sohle aus durchsichtigem Plastik. Die kosteten viel Geld, 300 Mark. Aber ich wollte unbedingt im Club auffallen und dazugehören. Also musste ich Geld verdienen: Ich arbeitete bei meinem Vater im Restaurant.

RESTAURANT MARA

Mein Vater hatte zehn Jahre lang im Wedding an der Ecke von Osloer und Residenzstraße ein italienisches Restaurant, obwohl er Ägypter ist. Er kaufte es 1989, ab meinem zwölften Geburtstag arbeitete ich regelmäßig hinter der Bar. Na ja, es war eher ein Holztresen in der Küche, hinter dem ich die Getränke eingoss. Oder ich half beim Abwasch.

Oft nahm ich nach der Schule den Bus in den Wedding, machte Hausaufgaben im Restaurant, half aus und fuhr abends nach Hause. Es gab 20 Tische, eine Terrasse auf dem Bürgersteig und nach der Wende einen Boom, weil wir dicht an der ehemaligen Grenze und mitten auf der Hauptstraße lagen. Leider wurde die Tram von Prenzlauer Berg nach Wedding verlängert. Dadurch fielen die Parkplätze auf der Osloer Straße weg. Ende der 90er verkaufte mein Vater das Lokal an eine Dönerladen-Kette.

Ich verbrachte einen Großteil meiner Jugend im Mara. Der Wedding war für mich eine andere Welt: Hier waren Deutsche die Zielscheibe von Übergriffen, nicht Ausländer, wie in Siemensstadt. Ich hatte nie Probleme, weil ich Arabisch sprechen konnte und mein Vater die Nachbarschaft kannte. Die Jungs benahmen sich auf der Straße wie Wölfe, aber zu Hause wie Lämmer. Sie wollten nicht, dass mein Vater sich bei ihren Vätern beschwerte. Dann hätten sie Schläge riskiert.

Das Restaurant war für mich ein Zufluchtsort. Ich saß manchmal am Fenster, schaute auf die Kreuzung und stellte mir vor, ich sei in Amerika. Ich träumte von großen Autos, dicken Uhren und hübschen Frauen, einfach, um aus dem Alltag rauszukommen. Ich wollte die Welt sehen, etwas aufbauen und für meine Familie sorgen. Das schrieb ich dann in der Sprache des Hip-Hop auf – und die war damals Englisch.

Wenn mich Freunde besuchten, saßen wir im Gastraum und sahen die Clips auf MTV. Mit 18 trat ich selbst im Fernsehen auf: Ich wurde Mitglied der Boyband The Boyz. Manchmal klaute ich nachts meinem Vater die Schlüssel, nahm seinen alten Mercedes der E-Klasse und traf mich mit Freunden und Mädchen heimlich im Restaurant. Ich dachte, ich sei der Größte, wenn ich den Mädels Getränke ausgab. Mein Vater merkte nie etwas. Ich räumte alles wieder auf, wusch das Geschirr und stellte die Zapfanlage ab.

Einmal fuhr ich von so einem Abend über die Seestraße zurück, die Fahrbahn war nass, Laub lag auf der Straße. Der Wagen geriet ins Schleudern, drehte sich und kam genau zwischen zwei Bäumen zum Stehen. Das war sehr knapp. Seitdem habe ich nie wieder den Wagen meines Vaters genommen, sondern lieber den kleinen Mazda meiner Mutter.

YORCKBRÜCKEN

Zwischen den S-Bahn-Brücken gab es die Plattenläden Downstairs, Such A Sound und Jonny Cut, den coolsten Friseur von Berlin. Als ich 16 war, fuhr ich im Sommer immer dorthin. Die Besitzer von Such A Sound stellten Stühle und Boxen auf den Bürgersteig, sie ließen Hip-Hop laufen, wir Jungs spielten Basketball und Jonny schnitt den Schwarzen umsonst die Haare. Abends gab es Barbecue, eine richtige Sommeridylle.

So lernten wir die neuen Platten kennen und trafen DJs aus der ganzen Stadt. Wenn wir nicht grillten, gingen wir zum Dönerladen an der S-Bahn-Station. Das ist der beste Döner der Stadt. Keine Ahnung, was sie hineinmischen, aber es schmeckt unglaublich gut.

Um diese Achse drehte sich damals mein Leben. Noch heute gehe ich zu Jonny, immer mit Termin – denn er ist ziemlich ausgebucht. Er hat in Jamaika gelebt und weiß, wie man einem Schwarzen die Haare schneidet: Für meinen Afro nimmt er keine Schere, sondern Rasierer und Kamm. Nur so wird der Afro richtig rund.

Jonny war früher Stylist von Nena. Er ist leicht esoterisch: Seinen Kunden stellt er ein Glas Wasser mit einem Stein hin – der soll das Wasser reinigen. Die Wände seines Ladens sind mit Jesusbildern bemalt. Und Jonny spielt gute Musik im Laden, Soul von der Sängerin Ayo oder Reggae von Bob Marley.

KURFÜRSTENDAMM

Tut mir leid, für mich ist der Ku’damm das Herz meiner City. Mit Potsdamer Platz, Friedrichstraße oder Alexanderplatz freunde ich mich nur schwer an. Mittlerweile wohne ich auch in einer Seitenstraße. So bin ich einem Ort meiner Jugend nahe: Am Breitscheidplatz versuchten wir Jungs damals, die Mädels mit blöden Sprüchen für uns zu interessieren. Hat natürlich nie geklappt. Abends kletterten wir ab und an auf das Dach des Europa-Centers, sahen durch das Glas in die Passage hinein oder bewunderten die Neonreklamen ringsum – Großstadtromantik!

Es beruhigt mich, den Ku’damm entlangzulaufen. Ich gehe an den Geschäften vorbei, sehe die Schaufenster an, dabei kann ich extrem gut nachdenken. Ich laufe manchmal bis zum Lehniner Platz und zurück, eine Stunde. Danach habe ich einen klaren Kopf.

Wichtige Entscheidungen fälle ich auf diese Weise. Zum Beispiel die, mit Annette Humpe Ich + Ich zu gründen. Das war vor vier Jahren. Wir lernten uns in einem Studio in Tegel kennen, weil wir zusammen an einem Lied für einen Musikverlag arbeiteten: ich als Produzent, sie als Schreiberin. Wir verstanden uns auf Anhieb. Eines Abends rief sie mich an und fragte: Adel, kannst du dir vorstellen, mit mir Musik zu machen?

Ich zog mir eine Jacke an und lief den Ku’damm hinunter, um in Ruhe über das Angebot nachzudenken. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nie wieder zu singen. Die Erfahrung in der Boyband hatte einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Damals hatten wir Knebelverträge, waren nur Marionetten und ruinierten unsere Glaubwürdigkeit in der Hip-Hop-Szene. Ich hatte meine Identität an die Industrie verkauft.

Für die Arbeit mit Annette sprach, dass wir großartige Lieder geschrieben hatten. Und natürlich kitzelte mich die Eitelkeit und der Ehrgeiz. Ich wollte beweisen, dass ich es als Musiker schaffen kann. Und mal ehrlich, was hatte ich zu verlieren?

Der Ku’damm gab mir Klarheit: Ich + Ich hatte eine Chance.

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