Admiralsbrücke : Party auf Pollern

Sie ist Bühne, Touristenattraktion, Open-Air-Wohnzimmer: die Admiralbrücke. Kreuzberger fordern nun ein Recht auf Nachtruhe.

Annette Kögel
Admiralsbrücke
Getrübte Idylle. Hier genießt man den Sonnenuntergang: die Admiralsbrücke am Urbanhafen in Kreuzberg. Doch Anwohner klagen über...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Kreuzberger Nächte sind lang, erst recht auf der Admiralbrücke am Fraenkelufer.

Ein Liebespaar genießt den Sonnenuntergang auf den aufgeheizten Verkehrsberuhigungspollern, auf denen man so schön sitzen kann. Ein Gitarrenspieler klampft leise, ein Filmteam castet Schauspieler. Die Polizei ermahnt einen Taxifahrer zum Weiterfahren, doch der hat gebremst, weil die Leute am Straßenrand ihre Beine nicht einziehen und der Boden voll Scherben ist. Um Mitternacht singt eine Gruppe Jugendlicher „Happy Birthday“. Einer erhält Applaus von Mädchen dafür, dass er eine Bierflasche in den Landwehrkanal schmeißt – dann schabt er eine Bierbüchse scheppernd übers Pflaster. Hunderte sitzen jetzt eng an eng auf dem Boden, reden, lachen, genießen ihre Stadt und das Leben. Um drei Uhr früh heult ein Bongospieler den Mond an. All das betrachten zwei Mittfünfziger aus Bayern neben ihrem Reisemobil mit einem Glas Wein in ihren Campingstühlen – die romantische Admiralbrücke am Kanalgrünzug steht als Tipp für Touristen und Reisebusunternehmen in Berlin-Führern.

Kreuzberger Nächte sind inzwischen höchst umstritten.

„Ich liebe den Kiez. Auf der mediterranen Brücke fühlt man sich wie in Venedig“, sagt Fraenkelufer-Anwohner Claus Achterberg. „Aber mit meinem Hund kann ich früh nicht mehr Gassi gehen, wegen der Scherben. Und der Müll – das sieht jeden Morgen aus wie nach einem Oktoberfest.“ Einer seiner Nachbarn ist aus Zehlendorf zurück nach Kreuzberg in die Admiralstraße gezogen, weil er das multikulturelle Leben liebt. Jetzt findet seine Familie keinen Schlaf „an der Partymeile“. Der Mann, der ein Kurierunternehmen begründete, hat sich mit Nachbarn dafür eingesetzt, dass die Stadtreinigung nunmehr täglich an der Brücke fegt.

„Das ist schön hier, wie sich die Leute tagsüber am Kanal sonnen, aber vor allem die Schüler lassen alles liegen“, sagen Andreas Villwock und Frank Stahlberg, zwei der „Männer in Orange“. Sie haben inzwischen aus eigenem Antrieb ans Geländer des Uferweges schwarze Kehrichtsäcke gehängt und einen Doppelmülleimer auf der zweispurigen Brücke installiert: „Die Papierkörbe reichen einfach nicht aus.“

„Die Admiralbrücke ist eine Schönwetterlocation, eine Wohlfühlecke. Wir leben in einer To-Go-Gesellschaft, und unsere Leute reagieren da flexibel“, sagt BSR-Pressesprecher Bernd Müller. Die Mitarbeiter der Pizzeria „Il Casolare“ sammeln jetzt selbst ihre Pizza-Pappverpackungen mit ein. Andere Leute horten leere Pfandflaschen. „Erst war das cool hier, aber jetzt nimmt es Überhand“, sagt ein Kellner. Er lässt die Brücken-Gänger aber schon aufs Klo. Nebenan im Restaurant „Schiff Ahoi“ werden die WC-Nutzer dafür um einen Obulus gebeten. Viel Bier, viel Harndrang. Im begrünten Hinterhof am Fraenkelufer 26 haben die Mieter Bitte-nicht-Pinkeln-Schilder angebracht, manche Brückenfans erledigen hier auch ihr Geschäft. Das stinkt vielen. „Wenn wir um einen Obulus für die Toilette bitten, reagieren manche sogar aggressiv und drohen mit dem Anwalt“, heißt es im „Schiff ahoi“. Wäre eine Wall-Toilette eine Alternative? „Viele der Leute zahlen sicher keine 50 Cent“ , meinen Nachbarn.

Aus Sicht der Polizei fällt die Admiralbrücke nicht weiter in der Statistik auf. Gerade mal vier Ordnungswidrigkeitenanzeigen wegen Lärmbelästigung hat der zuständige Polizeiabschnitt 52 vergangene Saison registriert, dieses Jahr gab es bislang eine. An den Wochenenden rufen nach Auskunft von Holger Kreß, stellvertretender Leiter des Polizeiabschnitts, einige Anwohner anonym die Polizei. Oder sie wenden sich ans Ordnungsamt. Kreß: „Wenn wir mit den Leuten auf der Brücke reden, zeigen sie sich meist einsichtig.“

„Jetzt wo es wärmer wird, müssen wir wieder die Fenster zumachen“, klagt eine Frau, die für das Haus Grimmstraße 28 spricht. „Wir befürchten, dass sich das 2009 alles ausweitet, Musiker bringen schon Verstärker mit.“ Sie wohnt seit langer Zeit im Kiez, wo sich früher die Hausbesetzerszene etablierte – und jetzt Gutsituierte hinziehen. Die Mieten sind wegen der Kappungen beim sozialen Wohnungsbau gestiegen. Eine Initiative aus dem Graefe-Kiez, die jetzt den Brückenvorplatz ins Treiben miteinbeziehen wollte, hat sich schnell zurückpfeifen lassen.

„Wir wollen den Kreuzbergern nicht ihre Brücke nehmen – aber unser Recht auf Nachtruhe einfordern, von der Polizei, von Ordnungsamt, vom Bezirk“, sagt ein Anwohnersprecher. Ein weiteres Treffen mit Behördenvertretern ist geplant. Einige Nachbarn wollen, dass die von Anwohnern lange erkämpften Autopoller wegkommen, und wollen nur noch Geschwindigkeitsschwellen und Radwege: Der Gemütlichkeit ein Ende. Einige schlugen gar Pflanzenkübel mit „Stachel-Flora“ vor. Stadträtin Jutta Kalepky (parteilos) ließ Schilder mit freundlichen Ermahnungen aufstellen. Ein paar wurden ausgerissen und landeten im Kanal, andere sind übermalt: „Spießer!“ So einer ist Slavo Mirius nicht. Er wohnt gleich an der Brücke, und er liebt sie. „Rom hat seine spanische Treppe, und wir unsere Admiralbrücke.“

So sind sie inzwischen, die umstrittenen Kreuzberger Nächte.

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