Stadtleben : Adriana wird verkauft

Roland Emmerich stellte „Trade“ vor – einen Film über den globalisierten Menschenhandel

Am Anfang war das Fahrrad. Ein Geschenk für Adriana zum 13. Geburtstag. Am folgenden Tag radelt sie heimlich durch La Merced, ihr Wohnviertel in Mexico City. Ein Wagen zwingt sie zum Halten, zwei Männer stürzen heraus, packen sie, zerren sie ins Auto, brausen davon. Ihre Perspektive: Sexsklavin in den USA. Zum Glück gibt es ihren Bruder.

So dramatisch beginnt der Film „Trade – Willkommen in Amerika“, der gestern Abend im International an der KarlMarx-Allee Premiere hatte. Eine Veranstaltung ohne den sonst üblichen Starbesuch. Ohnehin verzichtet der Film auf die großen Namen, abgesehen von Kevin Kline, der einen texanischen Versicherungspolizisten spielt. Also ein ganz anderes Konzept als der thematisch ähnliche „Bordertown“ bei der letzten Berlinale mit Jennifer Lopez, Antonio Banderas, Martin Sheen und dem Sänger Juanes.

Den Abend prägten eher diverse Organisationen, die sich gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzen und in dem Film eine Möglichkeit sehen, für ihre Ziele zu werben – zumal ein Hollywood-erfahrener Mann wie Roland Emmerich als Produzent dahinter steht. Auch die Pressekonferenz zu „Trade“, zu der am Vormittag ins Filmhaus am Potsdamer Platz geladen wurde, ähnelte eher einem Tribunal gegen den Menschenhandel als einem klassischen Film-PR-Termin – mit amnesty international, terre des hommes, Unicef und ihrer Botschafterin Katja Riemann sowie anderen Organisationen als Anklägern.

Rund 2,4 Millionen Menschen weltweit würden jährlich verkauft, ein Markt, der 32 Milliarden Dollar Profit abwerfe – so bilanzierte Gunda Opfer von amnesty international den globalen Menschenhandel, der – so ergänzte „Trade“-Regisseur Marco Kreuzpainter – nach Waffen und Drogen das drittlukrativste illegale Geschäftsfeld sei. Oft, so schilderte eine Vertreterin vom Kinderhilfswerk Plan International, beginnt der Weg in die Zwangsprostitution nicht mit einem Gewaltakt wie im Film, stattdessen geben etwa auf den Philippinen arme Familien ihre Kinder zu einer vermeintlichen Arbeitsstelle, ohne zu wissen, was ihnen bevorsteht.

Auf das Thema war Emmerich über eine Titelgeschichte des Journalisten Peter Landesman im „New York Times Magazine“ aufmerksam geworden. Zwei Jahre mussten er und Mitproduzentin Rosilyn Heller darum kämpfen, die Mittel zusammen zu bekommen, zuletzt schoss Emmerich privates Geld dazu. Zwölf Millionen Dollar hat „Trade“ gekostet, die ersten zwei Wochen nach dem US-Start waren nicht vielversprechend. Der dortige kleine Verleih sei überfordert gewesen, berichtete der Produzent, der auf den europäischen Markt und das Marketing-Talent der Twentieth Century Fox hofft, die „Trade“ in Deutschland in die Kinos bringt. Aber es gehe ihm mit dem Film gar nicht ums Geld, versicherte Emmerich, der als Regisseur „Independence Day“ oder „The Day After Tomorrow“ drehte. Ohnehin lautet sein Credo für die künftige Arbeit: „Ein Film muss ein Bewusstsein, eine Aufgabe haben.“ ac

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