Afrikanisches Viertel : Jenseits von Wedding

Ins Afrikanische Viertel ziehen immer mehr Menschen afrikanischer Herkunft – und finden dort ein Stück Heimat.

Hadija Haruna
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Monsieur Ebeny kommt aus Kamerun. Er steht hinter dem Tresen seines Lebensmittelgeschäftes in der Kameruner Straße und füllt Erdnüsse in schmale, durchsichtige Beutel ab. Der groß gewachsene Mann, der am liebsten Französisch spricht, ist stolz auf seinen kleinen Laden mit den knallroten Regalen. Und dass er seinen Laden ausgerechnet in der Kameruner Straße im Afrikanischen Viertel in Wedding eröffnet hat, war mehr als ein Zufall.

Seit einigen Jahren zieht es auffällig viele Afrikaner in das Viertel und den Sprengelkiez, wo die Spuren deutscher Kolonialgeschichte seit über 100 Jahren auf den Straßenschildern präsent sind. Insgesamt 25 Straßen wurden ab 1899 nach afrikanischen Ländern, Städten und Flüssen, Kolonialstützpunkten und Kolonialherren benannt. Im Viertel, das an die Jungfernheide anschließt, liegen beispielsweise die Senegalstraße, die Uganda- und die Tangastraße. Weiter im Norden finden sich die Namen Guinea und Togo, die parallelen Straßenzüge sind nach Kamerun und Sansibar benannt. Die Hauptader ist die gut zwei Kilometer lange Afrikanische Straße. In dieser Gegend reiht sich Afroshop an Afroshop. Mit ihrem Angebot an Kochbananen, Yamswurzeln oder Kosmetikprodukten für schwarze Haut und krauses Haar prägen sie das Stadtbild und machen sich gegenseitig auch Konkurrenz. „Man kann die Läden schon nicht mehr zählen, so viele sind es“, sagt der Ladenbesitzer John Tamba aus Sierra Leone, der seit 2005 den Lebensmittelladen „Bendaa International“ betreibt.

Die Zuzugswelle von Menschen aus Angola, Kamerun, Sierra Leone, Guinea, Ghana oder Nigeria in den Wedding begann vor zehn Jahren wegen der billigen Mieten. Laut Statistik leben dort heute 2475 Afrikaner, insgesamt sind es in Berlin 18 228. Nicht gezählt sind Afrikaner mit deutschem Pass. Die meisten von ihnen kamen als Studenten oder Kriegsflüchtlinge nach Deutschland. Kaum in Berlin, wurden sie von Freunden oder Bekannten direkt nach Wedding geschickt. So war das auch bei Tamba, der vor elf Jahren als Jugendlicher aus seiner Heimat geflohen war und zuerst in einem Asylbewerberheim in Halberstadt lebte.

Der Zuzug ins Afrikanische Viertel, der wie zufällig begann, wirkt heute wie geplant. Es hat sich herumgesprochen, dass man sich in Wedding auf die Hilfe der afrikanischen Community verlassen kann. „Afrikaner ziehen hierher, weil sie wissen, dass sie hier nicht alleine sind und Hilfe bekommen. Es ist wie ein Signal“, sagt auch Assibi Wartenberg. Die Gründerin des Deutsch-Togoischen Freundeskreises lebt seit 1986 in Deutschland, 18 Jahre davon in Charlottenburg. Vor eineinhalb Jahren ist die rothaarige Togolesin in den Arbeiterbezirk gezogen und betreibt dort das Vereins- Restaurant „Relais de Savanne“. „Außerdem muss man hier als schwarzer Mensch keine Angst vor rassistischen Übergriffen haben.“

Irgendwann werde sich niemand mehr darüber wundern, warum das Afrikanische Viertel seinen Namen trage. „Es wird dann einfach mit seinen Bewohnern in Verbindung gebracht“, sagt die Historikern Ursula Trüper. Sie freut sich darüber, wie die Weddinger Realität inzwischen die einstigen Fantasien zu Zeiten des Kaiserreichs konterkariert. Um auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen, hat sie 2007 das Magazin „Afrika im Wedding“ herausgebracht. Erst kürzlich erschien die zweite Ausgabe „Afrikanisches Viertel“. Die Einstellung der wachsenden Gemeinschaft birgt für Trüper eine geschichtliche Wendung: „Das koloniale Denkmal wird nicht gestürzt, sondern von der Community selbst umgewidmet.“ So hatte sich das der Zoodirektor Carl Hagenbeck Ende des 19. Jahrhunderts sicherlich nicht vorgestellt, als er auf die Idee kam, auch im Afrikanischen Viertel einen „Kolonialpark“ entstehen zu lassen, in dem afrikanische Menschen und Tiere ausgestellt werden sollten. Die Idee für den Menschenzoo war nach der „Ersten deutschen Kolonialausstellung“ 1896 in Berlin entstanden. Bei der sogenannten „Völkerschau“ auf dem Gelände des Treptower Parks hatten hundert Afrikaner als lebende Staffage der inszenierten afrikanischen Dörfer gedient. Hagenbecks Plan wurde allerdings vom Ersten Weltkrieg durchkreuzt.

Emmanuel Akakpo hat schon in seiner Schulzeit in Togo im Geschichtsunterricht vom Afrikanischen Viertel in Berlin gehört. „Ich habe mir damals gesagt, wenn ich mal nach Deutschland kommen sollte, schaue ich mir das an.“ Vor 13 Jahren kam er dann für ein Agrarwissenschaftsstudium nach Deutschland. Seit sechs Jahren betreibt er in Wedding die Cocktail- und Jazzbar „Maluma Dreams“. Dort treffen sich deutsche und afrikanische Jazzmusikfans, um zur Musik internationaler Künstler zu tanzen und zu plauschen. Donnerstags gibt es eine offene Bühne für junge Musiker. „Ich wollte hier einen lebendigen Treffpunkt im toten Kiez schaffen. Wenn ich nicht wäre, würden viele Anwohner nichts über Afrika erfahren.“ In seiner Bar hätten sich sogar richtige Freundschaften entwickelt, und viele seiner deutschen Gäste seien mit Gästen aus Ghana oder Guinea bereits in deren Heimat geflogen.

Auch die Mitglieder des Kulturhauses mit ihrer gleichnamigen Trommelband „Mano River“ wollen ihren Kiez mitgestalten. Im Clubhaus treffen sich Afrikaner aus Guinea, Sierra Leone und Liberia und ihre deutschen Freunde, im vorderen Teil entsteht gerade ein Spätkauf. „Wir wollen das Bild und die Klischees über schwarze Menschen verändern“, sagt Mitbegründer Mohammed Bah. Gegenüber den Türken sei die afrikanische Community in Berlin eine kleine Gruppe, die sich oft vergessen fühle. In Wedding aber könnten sie gemeinsam etwas erreichen. „Je mehr wir zusammen arbeiten, desto mehr können wir zeigen, welch riesiges Potenzial wir mitbringen.“ Das Kulturzentrum will Afrikanern helfen, die es noch nicht geschafft haben, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Montags bis freitags gibt es einen kostenlosen Deutschkurs, der von ehrenamtlich arbeitenden Studenten der TU Berlin gehalten wird.

Weniger sichtbar in ihrer Arbeit in Wedding sind zahlreiche afrikanische Initiativen. Das vier Jahre alte deutsch-afrikanische Magazin „Lo’Nam“ berichtet über bundesweite gesellschaftliche und kulturelle Geschehnisse mit Afrikabezug – und das nicht nur für Afrikaner. Während der ghanaische Pastor der International Christian Church, Kingsley Arthur, gemeinsam mit der deutschen Pastorin Evelyn Werther die kostenlose Beratungsstelle „Rat + Hilfe“ leitet. „Aufenthaltsbestimmungen, Arbeitslosengeld, Wohnungssuche: In Afrika gibt es diese bürokratischen Angelegenheiten nicht. Das muss erst einmal erklärt werden“, sagt der Pastor, der seit 1991 die Gemeinde leitet, die die Beratung aus eigener Tasche finanziert. Seit 26 Jahren lebt der Ghanaer in Berlin, der zuvor als Ökonom beim Landesamt für Verteidigungslasten gearbeitet hatte. Das nahm in den 70er und 80er Jahren Meldungen über Personen- und Sachschäden entgegen, die von Streitkräften verursacht worden waren.

Kingsleys Beratungsstelle ist eine Anlaufstelle für viele Afrikaner, aber auch für viele Deutsche, Türken und Araber geworden. Die Kiezbewohner vertrauen dem „Imam mit der heiligen Zahnlücke“. So nannte ihn kürzlich ein Rat suchender Libanese, der von seinem Imam aus der Moschee zu ihm geschickt wurde, weil der ihm nicht weiterhelfen konnte. „Mitten in der Welt“ lebt man in Wedding, findet der Pastor. „Afrika ist zwar ein großer Kontinent, aber hier teilen die Afrikaner die gleichen Bedürfnisse und Sorgen, können den Traum einer besseren Welt leben und die Einsamkeit vergessen.“

Für die Zukunft wünscht sich Kingsley, dass der Wedding ein Vorzeigebeispiel für ein funktionierendes multikulturelles Berlin wird. „Wo jeder kommt und sagt: ,Seht, es funktioniert.‘“

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