Aktion zur Finanzkrise : Appell mit Fahnen

Ein Schweizer Künstler wollte 500 Flaggen vor dem Reichstag aufstellen – als Zeichen gegen die Finanzkrise. Nach einer Stunde kam die Polizei. Der Mann hatte keine Genehmigung beantragt.

Johanna Lühr
Goldfahnen vor dem Reichstag
Aus Rettungsdecken bestehende goldfarbene Fahnen des Schweizer Künstlers Enrico Centonze stehen am Montag vor dem Reichstag in...Foto: dpa

Die Revolution hat gutes Wetter. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint golden und der junge Mann mit der schwarzen Schiebermütze und dem braunen Jackett lehnt sich sehr fotogen auf seine Fahnenstange. Golden und silbern weht sie im Wind, dahinter der Reichstag. Super Bild, sagen die Fotografen. Dann eilt er weiter mit seinem Hammer, schlägt ein Loch in den Boden und steckt die nächste Fahne.

Der Mann heißt Enrico Centonze, ist 27 und Schweizer Künstler, und seine Revolution ist eine Kunstaktion. 500 Fahnen will er vor dem Reichstag aufstellen, für die 500 Milliarden Euro, mit denen der deutsche Staat die Banken retten will. Eine Fahne für jede Milliarde. Hundert davon stehen schon.

Der Künstler will provozieren

Sie sind gemacht aus der goldenen und silbernen Rettungsfolie, in der bei Unfällen die Verwundeten eingewickelt werden, und die Assoziation ist klar: eine Rettungsdecke für die Wirtschaft. Nur die Symbolik der Fahne bleibt unklar. Sieg oder Kapitulation?
„Keine Ahnung, ich mache keine Propaganda“, sagt Centonze. Die Idee zu seiner Aktion kam Centonze vor zwei Wochen, als er die Meldung zur Rettung der Banken in den Zeitungen las. Er wollte auf diesen historischen Moment reagieren, sagt er, und eine öffentliche Diskussion anstoßen.

Der Platz vor dem Reichstag sieht aus wie ein riesiger Golfplatz. Seine acht Helfer haben jetzt alle 500 Flaggen quer über die Rasenfläche auf dem Boden verteilt. Die ersten Touristen lassen sich schon wie Gipfelstürmer mit Fahne fotografieren. Andere befragen den Künstler, Passanten interviewen Journalisten, und Berliner erklären Ausländern die „crisis“. „Klar, ich weiß Bescheid“, sagt ein Amerikaner, die Krise komme ja schließlich von ihnen. So ist das mit der Globalisierung. Irgendwie fühlen sich alle hier als große Gemeinschaft.

Auch ein älterer Herr, Professor für Philosophie und Ästhetik aus Potsdam, nickt zustimmend: „Die Flüchtigkeit der Aktion gefällt mir, weil es den Leuten Mut macht, sich ein Urteil zu bilden, nur für diesen Moment.“ Das Herkunftsland des Künstlers, die Schweiz, sei dabei ja sehr passend, neutral und frei von Ressentiments.

Auch dem jungen Ehepaar mit den zwei Töchtern gefällt die Idee, nur die Bambusstöcke an den Fahnen finden sie ökologisch nicht korrekt, und ein alter Herr im Anorak mit Schäferhund an der Leine ist geradewegs begeistert angesichts des Fahnenmeers. „Na, was ist das denn? Hier feiert die Regierung wohl ihre Riesenpleite, oder was?“ Die Sache ist für ihn klar: „Mir schenkt keiner Millionen, wenn ich pleite gehe“.

Plötzlich ist die Polizei da

Und dann ist plötzlich Schluss. Bei Fahne 150 kommt die Polizei. „Haben Sie eine Genehmigung?“, fragen die beiden Beamten Enrico Centonze. Hat er nicht. Wer auf eine historische Situation reagieren wolle, habe keine Zeit für Anträge. „Recht hat er!“, sagt der Mann mit dem Schäferhund. Doch die freundlichen Beamten lassen sich nicht bitten, Enrico Cetonze und seine Helfer müssen abbauen.

Immerhin. Sie hatten damit gerechnet, schon nach 20 Minuten gestoppt und dann festgenommen zu werden. Jetzt durften sie eine knappe Stunde werkeln und haben bloß eine Anzeige kassiert. Seine kleine Revolution hat Centonze geschafft: die Fotografen waren da und das Fernsehen, und in ein paar Stunden wird die Aktion im Internet zu sehen sein. Die Fahnen wollen sie in den nächsten Tagen überall in Berlin verteilen. Ohne Genehmigung, natürlich.

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