Alexander Scheer : Singen und saufen, lieben und leiden

Alexander Scheer, 32, Schauspieler in "Sonnenallee“ und an der Volksbühne: Für seine neueste Rolle sucht er Kontakt zum Terroristen Weinreich.

Noemi Schneider
alexander scheer
Theater? Das ist wie ein Boxkampf. Meint jedenfalls Schauspieler Alexander Scheer, der sich in der Bar "Schwarz Sauer" in der...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kurz nach 19 Uhr, Alexander Scheer kommt mit verstrubbelten Haaren und Zigarette in der Hand ins Café in Prenzlauer Berg. Er ist ein bisschen müde – aufstehen vor dem späten Nachmittag ist nicht so sein Fall. Klar eigentlich, schließlich ist er so etwas wie der Rock’n’Roll-Star unter den deutschen Jungschauspielern. Vor zehn Jahren stürmte er als Micha Ehrenreich aus der „Sonnenallee“ auf die Leinwand, da hatte er noch nie eine Schauspielschule betreten, folgte dem Regisseur Leander Haußmann ans Schauspielhaus Bochum und lernte dort sein Handwerk.

Scheer, 32, ordert Weißwein und hakt seinen Werdegang, „die ollen Kamellen“, pflichtschuldig ab: Auf der Leinwand spielt er, worauf er „Bock hat“, zum Beispiel Keith Richards in der Verfilmung der Uschi-Obermeier-Biografie „Das wilde Leben“ oder auch den Neonazi Kurt im Fernsehfilm „Brennendes Herz“. Demnächst wird er im Kino als Kopfgeldjäger in einem Film über den Nordseepiraten Klaus Störtebeker zu sehen sein.

Momentan tritt er an der Volksbühne auf, am Freitag in „Berlin Alexanderplatz“ – übrigens der letzten Vorstellung in dieser Spielzeit – und einen Tag später in Frank Castorfs Inszenierung „Kean“. Fünfeinhalb Stunden tobt er als Edmund Kean über die Bühne, singt und säuft, liebt und leidet, steigt auf und fällt tief. „Das ist geil, wie’n Boxkampf“, sagt er, steckt sich eine Zigarette an und fügt hinzu, „Theater muss halt immer ’in die Fresse’ sein“.

Hört sich hart an, doch dahinter verbirgt sich eine große Liebe zum Theater vor allem zur Volksbühne, Frank Castorfs „Knochenmühle“, wie er sie nennt. Das bürgerliche Berliner Ensemble ist nicht sein Fall. Trotzdem ist Edmund Kean seine vorerst letzte Theaterrolle, denn das Theater frisst einfach zu viel Zeit und auf die Dauer wird es ihm auch langweilig, dasselbe Stück über Monate zu spielen.

Momentan befasst er sich damit, „wie man psychologisch für sich selbst verantworten kann, eine Bombe in einen Zug zu schmeißen“, für seine nächste Rolle, den deutschen Top-Terroristen Johannes Weinrich, der lebenslänglich in Moabit einsitzt. Scheer hat ihm einen Brief geschrieben und wartet noch auf Antwort. „Ich hoffe, der Terrorist ist leichter zu treffen als Keith Richards“, sagt er und leert das Weinglas in einem Zug.

Ach ja, Keith Richards, im Herzen ist Alexander Scheer nämlich ein Musikant, nicht umsonst lautet der erste Satz in Sonnenallee „Ich wollte immer ein Popstar sein“. Er nimmt noch einen Weißwein und erzählt begeistert von seinen verschiedenen Band-Projekten, wie dem Internationalen Wettbewerb oder der Playback-Band Gruppe Pegel, einer ganz „furchtbaren 80er Jahre Combo“, deren Frontmann er ist. Drei Typen in weißen Anzügen mit schwarzen Hemden, weißen Krawatten und Kegelschuhen, machen „Plaste-Musik“ und wollen demnächst auf Clubtour durch Berlin tingeln.

Er ist genauso unterhaltsam wie seine Rollen, in denen er hingebungsvoll aufgeht und sich manchmal auch verliert, die „ich-Ebene verschiebt sich dann irgendwie“, sagt er. Zwischen Leben und Kunst gibt es für ihn keinen Unterschied.

Das Glas ist schon wieder leer, er nimmt noch einen, dann redet er eine ganze Weile über Billy Wilder und Klaus Kinski, seine Lieblingsfilme, schlechte deutsche Drehbücher, Neil Young-Konzerte und die Rolling Stones. Nach zwei Stunden, zwanzig Zigaretten und vier Gläsern Weißwein verschwindet Alexander Scheer in die Berliner Nacht, die für ihn auch immer eine Bühne ist.

Kean, 28. Februar und 6. März, 19 Uhr

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