Stadtleben : Alles Ansichtssache

Ein neuer Prachtband führt durch die Geschichte Berlins – und dokumentiert, wie die Stadt geliebt und gehasst wird

Andreas Conrad

Die Urteile über Berlin sind so gegensätzlich wie seine Geschichte. „Wie konnte bloß jemand auf die Idee kommen, mitten in all dem Sand eine Stadt zu gründen?“, fragte sich 1808 der französische Schriftsteller Stendhal, während der Philosoph Arthur Schopenhauer um 1855 befand: „Berlin ist physisch und moralisch ein vermaledeites Nest, und ich bin der Cholera sehr dankbar, dass sie mich vor 25 Jahren daraus vertrieben hat“ – ein Urteil, das dem des Schriftstellers Klaus Mann nicht fern ist, als er über das Berliner Nachtleben der sogenannten Goldenen Zwanziger ätzte: „Früher mal hatten wir eine prima Armee; jetzt haben wir prima Perversitäten! Laster noch und noch! Kolossale Auswahl!“

Aber Berlin fand auch Gefallen. Noch ambivalent fiel 1505 das Urteil des Humanisten Johannes Trithemius aus: „Die Einwohner sind gut, aber sehr rau und ungelehrt.“ Den dänischen Schriftsteller Martin Andersen Nexö erstaunte dagegen die Dynamik, die der Stadt in den letzten beiden Jahrzehnten der Kaiserzeit innewohnte: „Von Jahr zu Jahr musste man seine Vorstellung von der Stadt revidieren, so irrsinnig rasch war das Tempo, womit sie sich nach innen wie nach außen entwickelte.“ Eine Charakterisierung Berlins, die aus der Gegenwart stammen könnte.

Dies war nur ein kleines Potpourri von Urteilen zu Berlin, zu finden in dem Band „Berlin. Die Geschichte“ von Arnt Cobbers, den der Jaron Verlag herausgebracht hat. Es ist ein überaus prachtvoll aufgemachtes Werk und reicht von der Feuersteinklinge, die ein Urmensch vor 60 000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Hohenschönhausen verlor, bis in unsere Tage. Schon wegen des Einbandes hätte man ohne weiteres den Titel „Das Goldene Buch von Berlin“ wählen können, aber der ist bekanntlich vergeben.

Gedruckte Abrisse der Berliner Geschichte lassen sich grob in zwei Typen gliedern. Da sind zum einen die hochwissenschaftlichen Werke mit allem Drum und Dran, also präzisem Zitatnachweis, umfassendem Literaturapparat, meist sparsam illustriert. Und da sind zum anderen die etwas marktschreierisch angepriesenen Instant-Versionen der Stadtgeschichte, die gern das Wort Chronik im Titel führen, eine den Zeiten folgende Ansammlung von historischen Appetithäppchen, allerdings üppig bebildert, wobei die Aufmachung der Boulevardpresse entlehnt zu sein scheint.

Der Band „Berlin. Die Geschichte“, entstanden in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, nimmt zwischen diesen beiden Extremen die insgesamt erfreuliche Mittelposition ein. Der Autor, promovierter Kunsthistoriker und Historiker, zudem Verfasser diverser Berlin-Bände, bietet in zehn der Historie folgenden Kapiteln einen gut gegliederten, die übergreifenden Entwicklungslinien wie auch das Detail und die Anekdote berücksichtigenden Überblick über Berlins Werdegang. Sonderseiten und Kästen mit vertiefenden Exkursen oder auch längeren Zitaten ergänzen den Querschnitt durch die Epochen, und damit man den Überblick nicht verliert, gibt es im Anhang Zeittafel und Personenregister.Wirklich opulent aber ist die Bebilderung mit meist großformatigen, überwiegend farbigen Illustrationen, die die Geschichte veranschaulichen, wenngleich in den Passagen zur Frühgeschichte der Stadt auch schon mal fantasievolle Darstellungen aus späteren Jahrhunderten dafür herhalten mussten, weil es Authentisches nicht gibt.

So ist ein Werk entstanden, das man zwar von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen kann, das sich aber ebenso eignet zum Stöbern in der Geschichte, um sich einen ersten Überblick über die jeweilige Epoche zu verschaffen. Nicht immer nachvollziehbar bleibt allerdings die Auswahl der Personen, die als Repräsentanten ihrer Zeit durch Extratexte hervorgehoben werden. Zwar dürften dort präsente historische Figuren wie Zille, Turnvater Jahn oder der Hauptmann von Köpenick sich zwar beim breiten Publikum höherer Popularität erfreuen als E. T. A. Hoffmann oder Fontane, die nur gestreift werden. Aber zu begründen ist diese Ungleichbehandlung allenfalls durch die Überfülle der Berliner Geschichte und die daher auch in einem Prachtband beengten Platzverhältnisse, denen der eine oder andere Prominente geopfert werden muss. Dass aber die noch immer hochverehrte Königin Luise nur in dreieinhalb Zeilen auftaucht und dort auch nur sterben darf, dürften deren Anhänger schwerlich verzeihen.









— Arnt Cobbers:
Berlin. Die Geschichte. Jaron Verlag, Berlin. 272 Seiten, 259 meist farbige Abbildungen, 59,90 Euro.

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