Stadtleben : Alpha-Mann vs. Omega-Mann

Zufrieden im Plattenbau: eine Liebesgeschichte aus der geteilten Stadt

Werner van Bebber

Was für eine Freundschaft zwischen diesen beiden jungen Männern. Da liegen sie im Gras, irgendwo im Südosten Berlins, irgendwann in den sechziger Jahren ist es wohl, und reden, klar doch, über Mädchen. Sie sind so vertraut miteinander wie man nur sein kann in diesem Alter, in dem die Zeit nur von zweitrangiger Bedeutung ist, die Ungeduld aber umso wichtiger. Ähnlich sind sich Wilhelm und Albert nicht nur äußerlich, ähnlich ist auch das Ziel ihres Begehrens. Es trägt den Namen Bettina.

Sie hat sich, Albert erkennt es an einem Nachmittag beim Schwimmen, schon für den anderen entschieden, als Albert selbst noch kaum verstanden hat, was zwischen den dreien passiert: „Ich beobachtete ihn argwöhnisch aus den Augenwinkeln, wie nebenher zog er mit seiner Hand über ihren Rücken, dort entlang, wo er eine sanfte Vertiefung bildet und Härchen bei behutsamer Berührung nicht anders können, als sich aufzurichten …“ Albert sieht und ahnt, aber Wilhelm hat sich längst durchgesetzt. Behutsam ist er nur bei Bedarf, während Behutsamkeit sozusagen Alberts Wesen auf den Begriff bringt, sein Empfinden, seine Sprache, seine Sicht der Dinge. Er ist der schwächere der beiden Rivalen.

Michael G. Fritz hat mit dieser 160-Seiten-Geschichte eine wunderliche, wunderbare Erziehung des Herzens geschrieben, eine seltsam unberlinische Berlin-Geschichte. Unberlinisch ist der dezente Umgang mit der Stadt, die immer wieder kenntlich wird und doch im Hintergrund verbleibt.

Doch eine Berlin-Geschichte ist es, weil in den „Rivalen“ die Teilung der Stadt von Bedeutung ist. Wilhelm nämlich verlässt den Osten Berlins, nachdem er mit Bettina fertig ist. Er wird im Westen zum erfolgreichen Romancier. Albert bleibt, richtet sich in der östlichen Mitte ein, findet eine wunderbare Frau namens Karola und lebt lange gute Jahre lang das Leben eines Mannes im Kulturbetrieb – freundlich-ironisch, zufrieden in einem Plattenbau. Wann liest man schon mal von so einer Achtziger-Jahre-Normalität, ohne dass diese DDR-Normalexistenz gleich moralisch bewertet wird?

Dann treffen die Rivalen abermals aufeinander – ob aus Zufall oder weil ihre gemeinsame Geschichte noch nicht zu Ende ist, bleibt offen. Oder nicht? Michael G. Fritz ist ein präziser Erzähler mit einem schönen Sinn für Details wie dem Geruch frischen Papiers oder die Linie von Karolas Hals, und so bemerkt man erst mit der Zeit – so etwa in dem Tempo, in dem Albert die Dinge bemerkt, die ihm geschehen – wie da ein Mann die Kontrolle über sein Leben verliert.

Der Titel dieses starken kleinen Romans beschreibt die Grundkonstellation zweier Leben in Berlin, den Anfangs- und den Endpunkt der Geschichte. Als die beiden Männer sich wiedersehen, irgendwann in der nicht besonders weit entfernten Vergangenheit, bricht die Rivalität wieder auf. Weil der eine ein Alpha-Mann ist, der andere ein Omega-Mann? Weil Männer einander immer Rivalen sind? Weil Frauen so sind, wie sie sind? Erst behutsam, dann ganz brutal, wird die Geschichte mit Macht zu einer Tragödie.











— Michael G. Fritz:
Die Rivalen. Mitteldeutscher Verlag, Halle. 160 Seiten, 16 Euro

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