Altersarmut : Arm mit 80

Immer mehr bedürftige Rentner sind auf kostenlose Lebensmittel von Wohlfahrtsverbänden angewiesen. Die monatliche Altersversorgung schrumpft bei vielen auf ein erschreckendes Minimum.

Diana Wild
Rente Altersarmut
Armut im Alter ist weit verbreitet. Die Caritas bietet günstigere Lebensmittel an. -Foto: dpa

BerlinUrsula Salipur verbirgt ihre Bedürftigkeit hinter einer tadellosen Erscheinung. Die 80-Jährige trägt eine filigrane Brille und elegante Stecker im Ohr, in ihrer Tüte aber Lebensmittel der Wohlfahrt. Sie wirkt ein wenig, als könne sie auch nach Jahren noch nicht fassen, dass sie sich "gar nichts mehr leisten" kann. Ihre Rente reicht trotz Grundsicherung kaum zum Leben: 160 Euro monatlich bleiben ihr nach Abzug der Fixkosten, gibt die Berlinerin an. Daher holt sie ihre Lebensmittel einmal die Woche kostenlos bei der Aktion "Laib und Seele". Ein Phänomen, das unter alten Menschen um sich greift.

Politiker und Wohlfahrtsverbände warnen mittlerweile vor einer wachsenden Altersarmut vor allem in den neuen Ländern. Die Deutsche Tafel, die auch "Laib und Seele" unterstützt, schlägt Alarm. Derzeit seien zwölf Prozent der Bedürftigen in den mehr als 740 Ausgabestellen Rentner, sagt der Chef des Bundesverbands, Gerd Häuser. Deren Anteil werde sich "bald rapide erhöhen". In den Suppenküchen und Kleiderkammern der Diakonie ist die wachsende Not der Älteren ebenfalls bemerkbar. Es sei eine "sehr verschämte Armut" der Nachkriegsgeneration, schildert Ute Burbach-Tasso vom Bundesverband.

Rentner-Handwagen im Stau

Wenn Salipur die Lebensmittelausgabe bei der Evangelischen Gemeinde im Berliner Stadtteil Buckow betritt, reihen sich schon Dutzende Rentner-Handwagen neben dem Eingang zur Kirche. Drinnen ist lebhaftes Gemurmel. Wer zu Hause einsam ist, nutzt das stundenlange Warten bis zum Füllen der Tüten gerne für einen Plausch. Einige kennen sich schon seit Beginn der Aktion vor etwa drei Jahren. Damals seien um die 60 Familien und Alleinstehende gekommen, erinnert sich Helferin Maria Winkel, während sie Kohl und Kartoffeln in Gemüsekisten sortiert. "Jetzt sind wir bei über 200". Rund drei Viertel der Unterstützten sind 50 Jahre oder älter, weiß Dieter Schukat.

Gut 30 Ehrenamtliche helfen beim Sammeln, Stapeln und Sortieren der Lebensmittelkisten. Die meisten Helfer sind selbst Rentner und kennen die Schwierigkeiten ihrer Altersgenossen. "Ich kann von meiner Rente auch nicht leben", gesteht Jutta Pohl schulterzuckend, während sie Kuchenstücke zum Verteilen auf Pappteller schichtet. Nicht mal 800 Euro im Monat bezieht die ehemalige Hausmeisterin. Weil sie noch fit ist, kann sie sich durch Gärtnern ein paar Euro hinzuverdienen.

Doch alte Menschen scheuen oft fremde Hilfe. Viele kämen erst zur Lebensmittelausgabe, wenn Bekannte oder Verwandte sie begleiteten, weiß Häuser von der Deutschen Tafel. Das beobachten auch die Mitarbeiter in Buckow. Ältere Menschen seien anfangs "sehr verschämt", findet Pohl. "Es ist ihnen richtig peinlich". Auch für Salipur war der ersten Gang zur Kirchengemeinde eine "große Überwindung". Jüngere haben ihrer Meinung nach diese Scham nicht mehr. "Irgendwie sind die anders aufgewachsen", vermutet sie. Auch deswegen erwartet die Deutsche Tafel bald noch viel mehr Rentner in ihren Ausgabestellen. (dm/ddp)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben