Amazonien : Kreuzberger Künstler gestaltet Panoramabild vom Urwald

Der Kreuzberger Künstler Yadegar Asisi hat sich auf Panoramen spezialisiert. Momentan bereitet er für einen Leipziger Kunstgasometer "Amazonien" vor. Ab dem 28. März wird man das Ergebnis von anderthalb Jahren Arbeit dort sehen können.

Nana Heymann
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360 Grad Urwald. Die Besucher werden im Leipziger "Panonometer" auf einem Podest stehen und den Rundumblick genießen können. -Foto: Asisi

Ob das Kunstwerk letztlich gelingt, weiß Yadegar Asisi noch nicht. Zwei große Computerbildschirme stehen in seinem Kreuzberger Hinterhofatelier, sie zeigen ein Dickicht aus Bäumen, knorrige Urwaldriesen, zusammengesetzt aus 30 000 Fotos, die der Künstler im Dschungel von Brasilien aufgenommen hat. Per Bearbeitungsprogramm fügt Asisi nun Licht und Schatten ein, blickt prüfend, verändert. Aus den einzelnen Aufnahmen soll ein riesiges Rundum-Panorama entstehen.

"Amazonien" lautet der Titel des Werkes, an dem Yadegar Asisi derzeit sitzt. Sobald er mit der Arbeit am Computer fertig ist, wird das Bild auf 100 Meter lange und 30 Meter hohe Stoffbahnen gedruckt, zusammengenäht und im Gasometer in Leipzig aufgehängt, ab dem 28. März ist es dort zu sehen. Erst dann wird Asisi das Resultat von mehr als anderthalb Jahren Arbeit begutachten können. Erst dann weiß er, ob ihm das Kunstwerk gelungen ist.

Erfahrung bei der Anfertigung von Großbildpanoramen hat der 53-Jährige bereits: 2003 versetzte er den Mount Everest nach Leipzig, derzeit hängt dort ein Rundgemälde des antiken Rom, es zeigt den Einzug des Kaisers Konstantin im Jahr 312. Und im Dresdener Panometer schickt Asisi die Ausstellungsbesucher auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert der sächsischen Landeshauptstadt.

Architekt der Illusionen - so wird er genannt

Nun also der Dschungel. Vier Mal fuhr der Künstler dafür nach Brasilien, zum Rio Negro bei Manaus. "Mich interessiert die Abholzung des Regenwaldes nicht", sagt Asisi, "ich will nur seine Schönheit und Komplexität darstellen, die Menschen so zum Nachdenken anregen." Damit das Panorama letztlich funktioniert, muss jedes Detail stimmen. Bildkomposition, Perspektive, Farbigkeit, Lichtspiel, Übergänge. Nur so hat der Betrachter später das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen. Nur so kann der Raumzauber seine Wirkung entfalten. "Man muss einen langen Weg gehen, bis es klick macht und das Bild funktioniert."

Als Architekt der Illusionen wird Yadegar Asisi manchmal bezeichnet, ein Titel, der dem gebürtigen Wiener gut gefällt. Bereits als Kind habe er sich für illusionistische Bilder interessiert, das prägte seinen späteren Werdegang. In Dresden studierte der Sohn iranischer Emigranten Architektur - auf den leichten sächsischen Dialekt ist er stolz. Ende der siebziger Jahre reiste die Familie dann in den Westen aus, an der Hochschule der Künste in Berlin absolvierte Asisi ein weiteres Studium der Malerei.

Kurz darauf begann er mit seinem ersten künstlerischen Täuschungsmanöver: 1986 bemalte er an der Kreuzberger Waldemarbrücke ein Stück der Mauer. Auf der Westseite war lediglich die Turmspitze der Michaelkirche zu sehen, Yadegar Asisi ergänzte den Korpus - der Beton verschwand unter der Farbe. Das Mauerstück wurde später versteigert, ein Italiener erwarb es und schenkte es Papst Johannes Paul II., mittlerweile steht es in den vatikanischen Gärten.

Asisi übt Kritik am Bildungssystem

Seine ersten Panoramen fertigte Yadegar Asisi Mitte der neunziger Jahre. Am Potsdamer Platz, vor dem Brandenburger Tor sowie am Alexanderplatz ließ er Rotunden aufstellen, in denen er den Blick auf die baulichen Vorhaben am jeweiligen Ort simulierte. Die Zukunft Berlins wurde so erfahrbar.

Mittlerweile sind 80 Mitarbeiter für Yadegar Asisi tätig. Seit gestern kann sich der Künstler selbst ganz auf die Fertigstellung "Amazoniens" konzentrieren:  An der Technischen Fachhochschule, wo er als Professor lehrte, hielt er am Abend seine Abschiedsvorlesung. "Ich wollte meine Energie nicht länger verpulvern", sagt Asisi. Kritik übt er vor allem am heutigen Bildungssystem, das seiner Meinung nach zu sehr auf reine Wissensvermittlung ohne jeglichen Praxis- und Realitätsbezug ausgerichtet ist. In den engen Räumen der Fachhochschule konnte er sich nicht richtig entfalten.

Weitere Informationen unter www.asisi.de

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