American Academy : Männer, auf die Verlass ist

Entspannt familiäre Atmosphäre auf höchstem intellektuellen Niveau: Richard Holbrooke und Henry Kissinger lobten Richard von Weizsäcker in der American Academy.

Elisabeth Binder

Henry Kissinger will abnehmen. „Mindestens 25 Pfund“, sagt er und blinzelt in die Sonne. Einen wirklich humanen Weg so viel Gewicht zu verlieren, sieht er leider nicht. Eine so gewichtige Gesellschaft, wie sie sich am Donnerstagabend auf der Terrasse der American Academy drängte, kommt in Berlin selten zusammen. Die Abendsonne über dem Wannsee genossen auch Richard Holbrooke, den US-Präsident Obama kurz nach seiner Inauguration zum Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan ernannt hat, und Richard von Weizsäcker, dem zuliebe der 85-jährige Henry Kissinger die Reise nach Berlin auf sich genommen hat. Nach Helmut Schmidt und George Bush senior in den Vorjahren bekam der frühere Bundespräsident den von der Künstlerin Gabriela von Habsburg gestalteten Henry A. Kissinger Preis.

Vor der Verleihung gab es auf der Terrasse Smalltalk auf höchstem Niveau. Architekt David Chipperfield plauderte über Architektur und Nachhaltigkeit. Starautor Jonathan Franzen bekannte, dass er seinen Akademieaufenthalt genießt, aber mit Reden-Events normalerweise eher nicht so viel anfangen kann.

Dieser Abend war freilich definitiv eine Ausnahme wert. Auch Berliner Kulturkoryphäen wie Volker Schlöndorff, Peter Raue, Erich Marx waren Gary Smiths Einladung gefolgt, außerdem Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Die Atmosphäre in der Academy hat immer etwas entspannt Familiäres auf höchstem intellektuellen Niveau. „Es ist gut, einen Menschen zu kennen, auf den man sich immer verlassen kann, der sich auf ruhige und nüchterne Weise mit tiefen Dingen befasst“, sagte Kissinger über den Preisträger. „Charakter ist Schicksal“, konstatierte Richard Holbrooke in seiner Laudatio auf Richard von Weizsäcker. „Er ist einer der größten Menschen, denen ich je begegnet bin.“ Niemand habe in Deutschland moralische Autorität überzeugender und mit mehr Weisheit verkörpert. Weizsäcker bedankte sich humorvoll und erinnerte daran, wie Holbrooke in seiner letzten Woche als US-Botschafter, die American Academy gewissermaßen aus dem Blauen heraus angekündigt, und ihn und andere ohne Vorwarnung für diese Sache „eingezogen“ habe. Er sei tief dankbar für diese große Auszeichnung, die den Namen Henry Kissingers trage, „unseres großen Vorbilds, unseres großen Freundes“.

Im anschließenden Podiumsgespräch saß Holbrooke mit roter Krawatte als agierende Figur der Weltpolitik zwischen den weisen Elder Statesmen, die dezent gestreifte dunkle Schlipse trugen. Holbrooke kündigte ein wachsendes Flüchtlingsproblem an. Es werde deutlich mehr Geld benötigt für Bildung, Landwirtschaft und die Ausbildung der Polizei in Afghanistan. Es ging auch um die Rolle des Iran in Pakistan. Weizsäcker warb um einen verständnisvollen Blick auf Iran, und Holbrooke sprach von aufgestoßenen Türen. Auch Israels Belange wurden gestreift. „Sagt mir nicht, was ihr am Tag des Angriffs tut, sagt mir, was ihr in den Wochen danach tut“, so spricht Kissinger zu seinen israelischen Freunden.

Holbrooke erinnerte daran, dass Deutsche einst Weinberge in Afghanistan gepflanzt haben. Eine gute Überleitung zum Dinner, besonders für den 89-jährigen Preisträger, der erst morgens um 5 Uhr von einer dreitägigen und offenbar sehr trockenen Konferenz in Saudi-Arabien zurückgekommen war. Bei Lamm und Himbeeren ging es noch lange um transatlantische Herausforderungen, wie die, Ordnung zu schaffen nach Kissingers Vorbild – also mit Hilfe von Selbstbeherrschung. Elisabeth Binder

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