Stadtleben : AN DER URNE

In einem Köpenicker Abstimmungslokal. „Und, wie ist der Andrang?“, fragt ein Bürger. „Wie das Wetter“, erwidert der Wahlvorstand. Bürger: „Also gut?“ Wahlvorstand: „Genau!“ Der Politikwissenschaftler Otmar Jung bestätigt diese Erfahrung: „Es gibt ja Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Da gehen nur politisch sehr bewusste Leute zur Wahl.“ Dass Schmuddelwetter der Wahlbeteiligung schadet, ist bekannt. Für die Tempelhof-Freunde war’s noch nicht schön genug.

Eigentlich sollen die Abstimmungslokale so zugeordnet werden, dass die Wege möglichst kurz sind. Nicht so in Schöneberg: Eine Anwohnerin der Eisenacher Straße fragte sich, warum sie weder im Abstimmungslokal um die Ecke noch im nahe gelegenen Rathaus Schöneberg wählen durfte, sondern zum Seniorenheim am Mühlenberg wandern musste. Die Wahlhelfer konnten ihr die Frage nicht beantworten. Aber es habe bereits 80 Beschwerden gegeben.

Die Initiatoren des Volksbegehrens haben einen Taxidienst angeboten. Ein Anruf bei der Hotline am Morgen endete als Misserfolg: „Da hätten Sie gestern reservieren sollen“, hieß es. „Wir haben keine Kapazitäten mehr.“ Wer mittags anrief, hatte mehr Glück. „Wir können Ihnen nur nicht sagen, wann das Taxi kommt. Die sammeln nämlich mehrere Fahrgäste für ihre Touren.“ Wie viele Menschen sich chauffieren ließen, vermochte der Icat-Sprecher nicht zu sagen. Rund 20 Fahrzeuge seien im Einsatz. Offen blieb auch die Frage, wie viele Tempelhof-Gegner zur Urne gekarrt wurden: So hatten die Linken – stramme Flugbetriebsgegner – auf ihrem Parteitag am Samstag genüsslich die Nummer des Icat-Taxidienstes eingeblendet. Verbunden mit dem Hinweis: „Die Abstimmung ist geheim!“

obs

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