Angeln : Hobby mit kleinem Haken

Angeln kommt wieder in Mode - gerade unter Jugendlichen. Egal, was die anderen denken.

Sebastian Leber
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Jugendliche beim Angeln am Tegeler See. -Foto: Mike Wolff

Mindestens fünf Stunden steht Torben mit seinen Kumpels am Nordhafen. Für eine „Angel-Session“, wie er es nennt. Am liebsten nachts. Kürzer lohnt sich nicht, sonst „gibt’s nicht so ein transzendentes Gefühl“, sagt er. In fünf Stunden fängt der 17-Jährige manchmal bloß ein Dutzend Fische, das sei aber unwichtig. Auf das Warten komme es an. Was man dabei macht? Sich übers Fischen unterhalten natürlich, sagt er. Zwischendurch auch mal kurz über die Mädchen in seiner Stufe. Aber dann wieder über Kaulbarsch und Zander.

23000 Hobbyangler gibt es in Berlin. Mehr als 100 Tonnen Fisch fangen sie pro Jahr. Am häufigsten Blei, Güster, Plötze und Barsch. 34 Fischarten wurden bei der letzten Sichtung in Berlins Seen und Flüssen gezählt.

Angeln ist kein Altherrensport. Seit einiger Zeit sieht man in der Stadt auch viele Jugendliche am Ufer stehen. Als Ausgleich zum Partyleben, gerne auch frühmorgens als Ausklang einer durchgemachten Diskonacht. Außenstehende können die Angler oft nicht verstehen. Einerseits, weil sie die Fachbegriffe nicht kennen – da ist von Drillen und Pottys und Posen die Rede, dabei sieht man Angler immer bloß mit Stock und Schnur am Wasser stehen. Andererseits sind sie bei Tierschützern verrufen, weil sich die Fische in der Regel verletzen, auch wenn sie nach dem Fang wieder ins Wasser geworfen werden.

Aber die Angler können nichts für ihr Verhalten. Es liegt an den Genen und an der Evolution. Das sagt jedenfalls ein Wissenschaftler des Berliner LeibnizInstituts für Gewässerökologie – und Deutschlands Anglerszene pflichtet ihm bei. Demnach ist Fischen viel mehr als nur Volkssport. Nämlich eine „Überlebenshaltung, deren Kulturgeschichte in die Zeit der Jäger und Sammler zurückreicht“. Unterstützung bekommen die Angler auch vom Berliner Fischereiamt. Das weist darauf hin, wie wichtig Angler für Berlins Gewässer sind. Weil sie mit den Fischen Biomasse und somit überflüssige Nährstoffe aus dem Wasser ziehen und Platz schaffen für Jungfische.

Wenn man nur lange genug überlegt, fallen einem noch weitere Gründe ein, warum Angler auch für eine moderne Gesellschaft unentbehrlich sind. Zum Beispiel im Bereich der Kriminalistik: Immer wieder sind es Angler, die als Erste im Wasser herumtreibende Leichen entdecken und so zur Aufklärung von Mordfällen beitragen. Oder das Arbeitsplatz-Argument: Die Angelindustrie setzt jedes Jahr 6,4 Milliarden Euro mit neuen Ruten, Keschern und immer raffinierteren Ködern um, 52000 Arbeitnehmer verdienen sich so ihren Lohn.

Auch ganz wichtig: Angler haben viel Fantasie. Die brauchen sie, um sich originelle Vereinsnamen auszudenken. Gut- Biss Tegel, Teltower Knicklichter, Aalglatt Friedrichshain. Vor allem brauchen sie die aber, um ihre Schilderungen geglückter Fänge auszuschmücken. Vor zwei Jahren berichtete ein Angler, von einer anderthalb Meter großen Monstermakrele angegriffen worden zu sein. Er hat überlebt, aber angeblich nur ganz, ganz knapp. Und in England wurde ein Angler berühmt, nachdem er vor Zeugen eine 16 Kilo schwere Regenbogenforelle aus dem Wasser gezogen hatte. Dafür kam er ins Guinnessbuch der Rekorde, wurde Werbeträger für Angelausrüstung und anerkannter Extremfang-Experte. Bis er beichtete, dass alles nur ein Trick war: Der Mann hatte einen toten Fisch an den Haken gebunden und diesen vor seinen überraschten Anglerkollegen aus dem Wasser gezogen.

Aber selbst, wenn man alles Anglerlatein beiseite lässt: Das Hobby kann durchaus gefährlich sein. Besonders Augenärzte warnen vor dem Risiko des unkontrollierten Hakenschwingens in Richtung Mitmenschen. Das kann unschöne, bleibende Schäden verursachen. Auch deshalb wird Jugendlichen geraten, nicht wild drauflos zu fischen, sondern das Angeln im Verein zu lernen. Da bekommt man auch gleich die Traditionen des Sports näher gebracht. Und die haben sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, weiß Heinz Haase. Der Berliner ist Deutschlands bekanntester Angelhistoriker. Sein Spezialgebiet: Das organisierte Hobbyangeln seit ’45. Vereinsleben gibt es in Deutschland aber schon seit 1860. Und das literarische Hauptwerk der weltweiten Angelgemeinde stammt gar aus dem Jahr 1653: „Der vollkommene Angler“ von Izaak Walton, ein zeitloses Werk, wie Haase findet. Weil es das Wesen des Angelns sehr treffend definiert: Gut zur Entspannung, gut zur Besinnung, aber nie langweilig.

Relativ neu in Deutschland ist die Kür eines „Fisch des Jahres“. 2007 ist die Schleie an der Reihe, ein dunkeloliver Fisch, den man auch in Berliner Seen antrifft. Die Schleie ist keine Schönheit, sie ist schleimig, hat einen vorstülpbaren Mund und frisst am liebsten Schnecken.

Wer das jetzt eklig findet, sollte sich vielleicht besser langsam ans Angeln heranwagen. Zum Start könnte man den Angelladen in der Tegeler Straße in Wedding besuchen. Der hat außen an der Hauswand einen Automaten. Wer einen Euro in den Schlitz wirft, bekommt zu jeder Tages- und Nachtzeit eine kleine Dose ausgeworfen. Was da drin ist, wird nicht verraten. Aber: Es bewegt sich.

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