Architekturführer Pjöngjang : Einladung in eine verbotene Stadt

Ein Berliner Architekt hat zwei Bände zur Erkundung von Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang gestaltet – einen zensierten und einen unzensierten.

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Den Auftakt der Kwangbok‐Straße bilden zylindrische Wohntürme und wellenförmige Wohnriegel, die dem Geist Le Corbusiers näher sind als koreanischen Traditionen. Diese und folgende Bilder sind Teil des Architekturführers Pjöngjang von Philipp Meuser (Hrsg.), Zwei Bände, Fachverlag Dom publishers, 38 Euro.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Meuser Architekten GmbH
09.05.2011 17:37Den Auftakt der Kwangbok‐Straße bilden zylindrische Wohntürme und wellenförmige Wohnriegel, die dem Geist Le Corbusiers näher sind...

Ein Stadtführer, der „sich selbst ad absurdum führt“? Das ist mal was Neues. Eine Anleitung zur fröhlichen Erkundung der Hauptstadt Nordkoreas, die gar nicht erkundet werden will. „Architekturführer Pjöngjang“ nennt sich die seltsame Neuerscheinung, herausgegeben vom Berliner Architekten und Verleger Philipp Meuser.

Wie kommt man auf so eine Idee? Meuser, 41 Jahre alt, ist ein ernster Mensch, belesen und welterfahren. Aber auch ein kleiner Junge mit einem Faible für Skurriles. Sein Stadtführer tarnt sich als Hochglanzprospekt und suggeriert Normalität, wo keine ist. Eine Gratwanderung zwischen plumper Vereinnahmung und subtiler Enthüllung. Ein latent subversives Buchprojekt zur Förderung des Individualtourismus, der im Reich des „Geliebten Führers“ Kim Jong-il verboten ist. „Ich wollte das Gefühl vermitteln, man könnte sich das alles angucken.“

Das ist Reiseführer-Dialektik. Oder Satire, denkt sich der spontane Leser, aber nur, weil er die versteckten Botschaften noch nicht entziffert hat. Und weil er Philipp Meuser nicht kennt. Der tritt professoral mit Goldrandbrille, platingrauen Haaren, Anzug, Schlips und Weste vor seine ausladende Bücherwand, um gezielt einen Le-Corbusier-Band herauszugreifen. Und ist zugleich einer, der auf kasachischen Baustellen mit „Taxirussisch“ seine Baupläne durchsetzt. Das wussten die Nordkoreaner wohl nicht.

Philipp Meuser stammt aus dem Rheinland, hat in Berlin Architektur studiert und kam in den Semesterferien anno 1993 nach Eisenhüttenstadt zur „Märkischen Oderzeitung“. Hier lernte er den wilden Osten kennen, die sozialistische Retortenstadt und den Plattenbau. Der Name Eisenhüttenstadt bringt sein Gesicht noch heute zum Leuchten. Eine Zuneigung entstand, die der Architekt gar nicht wirklich erklären kann. Seit Eisenhüttenstadt verteidigt er die Plattenbausiedlungen als wichtigen „Modernisierungsschub“, unabhängig von der Ideologie, mit der sie meist assoziiert werden.

Meuser bereist mit Vorliebe Länder, vor denen es anderen graut. 2002 war er in Kabul und hat zusammen mit Gerd Ruge ein Buch über die verwundete Stadt geschrieben. Als nächstes wird er Taschkent, die Hauptstadt von Usbekistan, den deutschen Architekturfreunden näherbringen. In der Nachbarrepublik Kasachstan hat Meuser mehrere Botschaften gebaut und sich dabei mit den postkommunistischen Strukturen vertraut gemacht, bis hin zur Mafia.

Nordkorea ist selbst für Asienkundige schwer durchschaubar. Meuser reiste 2005 erstmals nach Pjöngjang, aus purer Neugier. Die Tourismusbehörde empfing ihn mit Chauffeur, Übersetzer, Begleiterin und einem dicht gestaffelten Besichtigungsprogramm. Das größte Abenteuer war ein längerer Spaziergang durch ein Wohngebiet. Nach einer weiteren Reise erhielt er 2009 die Einladung zu einer Buchmesse und forderte als Zusagebedingung, einen Architekturführer schreiben zu dürfen.

Textvorlagen und Fotos lieferte letztlich ein koreanischer Verlag, nachdem die angestrebte Kooperation mit dem nordkoreanischen Architektenverband gescheitert war. „Hofberichterstattung“, gibt Meuser unumwunden zu. Dabei war es schon schwer genug, die Zensoren zu überzeugen, bei Erwähnung von Kim Jong-il auf den Standardzusatz „Unser geliebter Führer“ zu verzichten. Die Nordkoreaner wollten zumindest den Namen ihres geliebten Führers größer und fetter drucken als den übrigen Text, doch Meuser ließ sich auch darauf nicht ein. Nur das i von il ist gegen die Transkriptionsregeln groß geschrieben. Darauf bestanden die Koreaner.

Was die Zensoren nicht wissen: Meuser hat den Architekturführer in zwei Bände unterteilt. Der zweite Band, den die Koreaner nicht kennen, kommentiert den ersten, beschreibt die Stadtarchitektur als „Kuriositätenkabinett“ und entlarvt die staatliche Monumentalsymbolik. Dort finden sich auch Fotos, die zumindest andeuten, in welcher Armut die Bevölkerung lebt.

Der Berliner U-Bahn hingegen geht es gut in Pjöngjang. Kein Graffiti mehr, dafür Porträts des geliebten Führers im Abteil. 1998 hat die BVG ausrangierte U-Bahnwaggons nach Nordkorea verkauft. Fahren durfte Meuser mit der U-Bahn allerdings immer nur eine Station. Warum, hat er auch nicht verstanden.

Wie früher in Ost-Berlin gibt es weiße Flecken auf dem Stadtplan. Zumindest einen davon hat Meuser mit Hilfe der Internetplattform „Wikimapia“ gefüllt: Wohnhaus und Amtssitz von Kim Jong-il sind auf einem Foto markiert. Mit Band 2 des Architekturführers in eine Polizeikontrolle zu geraten, könnte also unangenehm werden. Meuser hat vorsorglich einen Haftungsausschluss ins Buch geschrieben. „Möglicherweise wurden Informationen veröffentlicht, die in Nordkorea der Geheimhaltung unterliegen.“ Das Mitführen erfolgt auf eigene Gefahr.

Der Hinweis sei vor allem ironisch gemeint, beteuert der Verleger. Er glaubt nicht, dass man sofort als Spion weggesperrt werden könnte. Solche Gerüchte seien Teil der Einschüchterungspropaganda.

Philipp Meuser (Hrsg.): Architekturführer Pjöngjang, 2 Bde, Fachverlag Dom publishers, 38 Euro

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