Art-Mob für Tacheles : Kurz mal sterben für die Kunst

Die Tacheles-Künstler protestieren mit einem „Art-Mob“ gegen den Verkauf des Kunsthauses. Am kommenden Montag wird die Kaufhausruine zwangsversteigert.

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Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis überbrücken. So soll die Brückenkonstruktion aussehen. Im Hintergrund ist der Hofgenerator zu sehen. Der Strom ist abgestellt worden und die Künstler müssen sich selbst helfen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Jakob Hauser
06.05.2011 08:18Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis...

Durch die Friedrichstraße bläst ein arktischer Sandsturm, als die Tacheles-Künstler am Montagnachmittag am Spreedreieck aufkreuzen. Der Kapitalismus zeigt den Kreativen seine kalte Schulter. Doch der symbolische Boxkampf zwischen Kunst und Kommerz wird auf jeden Fall stattfinden. Die Kontrahenten laufen sich schon warm.

Mit einem „Art-Mob“, einer Abwandlung des Flashmobs, versucht der Tacheles-Verein, das Unvermeidliche doch noch aufzuhalten. Am nächsten Montag ist die Zwangsversteigerung der berühmten Kaufhausruine an der Oranienburger Straße in Mitte. Das mehrdeutige Mob-Motto: „Tacheles ist kein Tränenpalast.“ Der Senat soll das Kunsthaus der HSH Nordbank abkaufen und damit der kommerziellen Verwertung entziehen, fordern die Künstler. Doch daraus wird wohl nichts. Der Verkauf an einen Investor sei aber noch nicht das Ende vom Tacheles, betont Vereinschef Martin Reiter. Man werde mit dem neuen Eigentümer verhandeln. „Kein Grund zur Panik.“

Schlimm wäre nur, wenn der Spreedreieck-Investor Harm Müller-Spreer den Zuschlag bekäme. Von dem erwarten die Künstler nichts Gutes. „Wegwerfarchitektur“ nennt Reiter dessen ovale Lamellentürme vor dem S-Bahnhof Friedrichstraße. Die Affäre um den Verkauf des Areals habe dem Land einen Schaden von 30 Millionen Euro beschert. Und den Tränenpalast müsse die Stiftung Haus der Geschichte in Bonn jetzt teuer anmieten, damit drinnen ein „Museum der Teilung“ eingerichtet werden kann.

Der Tacheles-Artmob ist eigentlich eine Mogelpackung. Niemand musste sich über das Internet verabreden, und die kleine Zusammenrottung wurde polizeilich angemeldet. Immerhin wird mehr geboten als auf einer Demo. Trash-Künstlerin Agnes-Felicitas Adler hat sich als „lebende Skulptur“ mit allerlei Verpackungsmüll umrankt. Ihr Kollege Alexander aus Weißrussland lässt sich eher als lebendes Gemälde interpretieren. Titel: „Global warming“. Um seinen Hals ist mehrfach ein Strick gewickelt.

Endlich beginnt die entscheidende Performance: Eine Cheerleader-Truppe bringt die Zuschauer in Stimmung, dann betreten das Tacheles (Schwarz-weißer Kapuzenpulli, venezianische Maske, wenig Muskeln) und die HSH Nordbank (Sonnenbrille, buntes Muschelhemd, aasige Mimik, noch weniger Muskeln) den Ring. Unter Getrommel und bedrohlichen Beats beginnt der Kampf. Ungefähr in der dritten Runde geht die Nordbank final zu Boden und das Tacheles wird zum Sieger erklärt.

Kurzer Freudentaumel, dann läutet Martin Reiter überraschend zu einer Schweigeminute für die „sterbende Berliner Szene“. Die stirbt dann auch gleich für circa 60 Sekunden. Dann ist der ArtMob vorbei.

Bei der Zwangsversteigerung am Montag wird es auf dem Amtsgericht Mitte wohl zur nächsten Protestaktion kommen. Dem Vernehmen nach wird es voll im Saal. Die 25 000 Quadratmeter große Brache in Mitte ist eine der letzten Toplagen in der Innenstadt. Verkehrswert: 35 Millionen Euro. Ein Großteil des Areals darf für Einzelhandel genutzt werden. Deshalb ist auch der Leipziger-Platz-Investor Harald G. Huth als Bieter im Gespräch. Die Tacheles-Ruine muss allerdings als Kulturstandort erhalten bleiben.

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