Astor-Filmlounge : Margot Käßmann trifft Sam Hawkins

Wenn Margot Käßmann mit Sam Hawkens spricht – dann hat die Filmakademie zum Trapper-Treff ins Astor geladen. Und das kann ganz schön anstrengend sein.

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Pastorin trifft Filmstar. Margot Käßmann wünschte sich für ihren Auftritt im Astor-Kino einen Karl-May-Film – und plauderte mit Ralf Wolter (Sam Hawkens).
Pastorin trifft Filmstar. Margot Käßmann wünschte sich für ihren Auftritt im Astor-Kino einen Karl-May-Film – und plauderte mit...Foto: dpa

Am Ende steht: Erschöpfung. Nach 111 Minuten Knistern und Rauschen und Rumgeballere, von dem Margot Käßmann sagt, „dass ich es heute ganz furchtbar finde“. So viel zur späten, pazifistisch gefärbten Sicht einer ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden. Vor einem halben Jahrhundert war Margot Käßmann sechs Jahre alt und „Der Schatz im Silbersee“ der erste Film, den sie im Kino gucken durfte. Unter Aufsicht ihrer älteren Schwester. Im Herrwald-Kino von Stadtallendorf schwärmte die kleine Margot für Old Shatterhand und Winnetou, ganz besonders aber für den Neben-Hauptdarsteller Götz George: „Was für ein Mann, den müssen Sie sich anschauen!“

Am Mittwoch hat Frau Käßmann sich diese erste von 16 Karl-May-Verfilmungen in der Astor-Filmlounge am Kurfürstendamm angeschaut. Auf Einladung der Deutschen Filmakademie und gemeinsam mit gut 200 Berlinern. In den Sechzigern lockte die Produktion von Horst Wendtland 17 Millionen Zuschauer in die Kinos. „Der Schatz im Silbersee“ war ein Blockbuster, bevor die Deutschen wussten, was ein Blockbuster ist.

Die Filmakademie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit Kinowerken ihrer Wahl zu präsentieren. Vor ein paar Wochen war Peer Steinbrück mit dem Vietnam-Schlachtfest „The Deer Hunter“ da, und Margot Käßmann hatte zunächst „Luther“ mit Joseph Fiennes oder Xavier Beauvois’ „Von Menschen und Göttern“ favorisiert. Sehr originell für eine Kirchenfrau, erwiderte der Akademie-Geschäftsführer Alfred Holighaus. Also gut, sprach die Kirchenfrau, dann müsse es eben Karl May sein. „Winnetou III“ mit dem im Sterben ausgehauchten Bekenntnis: „Ich bin Christ“ hätte wahrscheinlich besser gepasst, aber „Der Schatz im Silbersee“ war nun mal vorher dran.

In Reihe 17 der Astor-Filmlounge sitzt Ralf Wolter. Er ist jetzt 85 Jahre alt, in Wendtlands Karl-May-Verfilmungen spielt er den Trapper Sam Hawkens und es interessiert ihn schon, was die Frau Pastorin an einer unfreiwilligen Westernkomödie schätze. Margot Käßmann listet auf: den Respekt vor Menschen anderer Herkunft, Gerechtigkeit, Freundschaft, Liebe. „Und natürlich Pferde.“

Licht aus, Flimmern an. Gleich die erste Einstellung zeigt Lex Barker und Pierre Brice auf ihrem Ritt durch das kroatische Karstgebirge. Wie die 17 Millionen anderen Kinobesucher hatte in den Sechzigerjahren auch das Publikum in Stadtallendorf keinen Schimmer davon, dass der Nationalpark Plitvicer Seen als Kulisse für den Wilden Westen diente. Als Margot Käßmann ein paar Jahre später zum Schüleraustausch nach Connecticut reiste, wussten die Amerikaner seltsamerweise nicht, „wer Winnetou und Old Shatterhand waren und was für großartige Dinge sich in ihrem Land abgespielt hatten“. Karl May hat das Amerika-Bild der Deutschen ähnlich stark geprägt wie Elvis und John F. Kennedy.

111 Minuten aus den Sechzigern können ganz schön lang sein. Old Shatterhand ist schwer verliebt in die Phrase: „Hugh, ich habe gesprochen!“ Winnetou schleicht sich mit einem Busch getarnt an einen Banditen heran. Die Schatzkarte vom Silbersee hätte kein Dreijähriger besser hinbekommen. Und Frau Käßmann sagt tapfer, sie könne die damals von der Leinwand ausgehende Faszination noch immer nachvollziehen, und überhaupt: „Früher wären wir doch alle gern mitgeritten, für das Gute und gegen das Böse.“

Von Reihe 17 entert Ralf Wolter die Bühne. Er hat zwei Indianer-Taschentücher als Geschenk mitgebracht und das weise Schlusswort: „Heute haben wir wieder einen Krieg vor der Tür. Mögen sich doch Winnetou und Old Shatterhand finden, damit sie das Kriegsbeil begraben.“

Hugh, ich habe gesprochen.

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