Stadtleben : Auch das Auge will mal tanzen gehen

Immer mehr Clubs setzen auf Visual Jockeys

Diana Teschler

Eine Clubnacht in Prenzlauer Berg. Bunte, schnelle Bilder auf riesigen Videoleinwänden und Bildschirmen verschmelzen mit dem Takt, den der DJ an seinem Mischpult vorgibt. Neben der Tanzfläche steht Frederik Bordfeld und wippt in den Knien zur Musik. Mit einer Hand navigiert er sein Laptop. Der 33-Jährige ist Visual Jockey, kurz „VJ“, und heute Abend für die Bilder zur Musik zuständig.

Videoinstallationen sind der neue Trend in der Clubszene. Berliner VJs wie Bordfeld versuchen mit Hilfe moderner Technik das tanzende Publikum visuell zu berauschen. Den Takt der Musik und die Reaktion des Publikums verarbeiten sie in einer bildhaften Performance. Konkurrenz mit dem DJ gibt es nicht. „Audio hinterlässt auf der Tanzfläche einen größeren Eindruck als das Visuelle, aber trotzdem kann man auch mit optischen Eindrücken eine körperliche Reaktion hervorrufen“, sagt Bordfeld, der als VJ unter dem Namen „fRED“ arbeitet.

Das Spiel mit Computer und Videotechnik gehört zum Handwerkszeug eines jeden VJs. Den Gestaltungsmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. So mischt Kiritan Flux selbstgedrehte Absurditäten und Filmschnipsel diverser B-Movies mit grafischen Elementen. 3-D-Grafik hingegen sieht man bei ihm selten. „Bei Bilderobjekten wie 3-D-Tunneln oder rotierenden Rave-Kartoffeln bekomme ich jedesmal das Grauen“, sagt er. Die Frage, was einen guten VJ auszeichnet, lässt sich daher nicht eindeutig beantworten. „Die ästhetische Seite der Videosequenzen bleibt immer Geschmacksache“, erklärt fRED. Kriterien, an denen sich VJs messen lassen müssten, seien vielmehr technische Herausforderungen und schöne Ideen.

Über die Auftragslage dürfen sich die Berliner VJs nicht beschweren. Immer mehr Clubs wie das ZMF in Prenzlauer Berg oder das Spindler & Klatt in Kreuzberg buchen die begehrten Visualisten. Trotz des großen Interesses der Veranstalter können sich jedoch die wenigsten Videokünstler allein durch das „Vjing“ über Wasser halten. Eine einheitliche Gage pro Abend und Auftritt gibt es nicht, auch ist die Arbeit auf Dauer nicht ganz ungefährlich. „Wenn du vom VJing leben willst, ruinierst du dir die Gesundheit“, sagt fRED. Es sei körperlich extrem anstrengend, das ganze Wochenende über bis tief in die Nacht zu arbeiten. Hinzu kommt, dass die VJs oft schon tagelang vor der eigentlichen Performance am Schneiden der Videos, der Bilderauswahl und der Zusammenstellung von Filmsequenzen arbeiten müssen.

Der Reiz am Spiel mit den Bildern muss also ein anderer sein: VJs sind nicht nur fasziniert von Computern und Videotechnik, sie wollen sich gleichzeitig als Künstler verwirklichen und mit ihren Bildern eine Botschaft transportieren. „Wenn uns jemand einen Bildschirm gibt, sollte man die Stärke des Mediums auch nutzen“, sagt fRED. „Wir wollen den ,Visual Jockey’, der aus seiner dunklen Ecke starr und steif auf sein Laptop starrt und den tanzenden Betrachter bedient, mehr ins Zentrum des Geschehens integrieren und zwar als respektierten Künstler.“

Immer häufiger leben die VJs ihre Kunst daher nicht nur in der Clubszene, sondern vor allem im Kunst- und Kulturbereich aus. „Wir sind keine ausschließliche Clubvertretung für den tanzenden Betrachter“, betont Fred Bordfeld, „wir beschäftigen uns mit audiovisuellen Kontexten und deren künstlerischer Verwirklichung.“ So halfen etwa Berliner Videokünstler zur Eröffnung des Wissenschaftsjahres 2008 das Gebäude der Friedrich-Schiller-Universität in Jena mit Großbildprojektionen in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen.

Längst hat sich aus einer Avantgarde verstreuter Videokünstler eine eigene internationale Szene entwickelt. Die weltweit wichtigste VJ Vereinigung ist AVIT. Ihre Philosophie ist es, die Kooperation in der VJ-Branche durch Eigenengagement zu fördern. Daran orientiert sich auch der Berliner Verein Visual Berlin. Die Videokünstler Fred und Flux und VJ Leinwandler haben ihn im November 2005 für den Berliner und Brandenburger Raum gegründet. „Wir wollen in erster Linie einen gegenseitigen Austausch in der lokalen Szene fördern und gemeinsame Projekte auf die Beine stellen“, sagt Mitbegründer Bordfeld. „Vor allem aber will unser Verein die Videokunst und das VJing einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, um es als Kunstform zu etablieren.“

Immer donnerstags, 20 Uhr, trifft sich ein Großteil der 30 Vereinsmitglieder im Ende Juni eröffneten Vereinsheim „Karakusch“ in der Neuköllner Friedelstraße 17. Als zentrale Anlaufstelle für Visualisten in Berlin und Brandenburg sind auch Neumitglieder jederzeit willkommen: „Wir freuen uns immer, auch jenseits der Partynächte Gleichgesinnte kennenzulernen, und wollen neue Talente fördern und ausbauen.“Diana Teschler

Weiteres im Internet unter

www.visualberlin.org

0 Kommentare

Neuester Kommentar