Stadtleben : Auf Du und Du mit ganz Berlin

Fast 40 Jahre beim Funk: Morgen moderiert RBB-Radiolegende Henning Vosskamp seine letzte Sendung

G,a Bartels

Ob er wehmütig ist, so kurz vorm Ende des „Talks am Sonntag“ auf Radio Berlin 88,8? „Ja“, sagt Henning Vosskamp und schaut unverwandt über die rote Lesebrille, „ich hab’ richtig Angst, das nicht verkraften zu können.“ Oh, so genau wollte man’s nach fünf Minuten Bekanntschaft noch gar nicht wissen. Noch mal Augen prüfen, vielleicht foppt einen der alte Radiohase? Nein, das ist ein echter Vosskamp. Livekostprobe der unverblümten Offenheit, für die er seit fast 40 Jahren beim jetzigen RBB und früheren SFB geliebt und gefürchtet ist.

„Seine Art ist Heimat“, beschreibt Schauspieler Herbert Köfer den Moderationsstil seines Gastgebers. Mit Frau und Hund sitzt der einstige DDR-Film- und Fernsehstar am vergangenen Sonntagabend im Regieraum von Radio Berlin und wartet, bis Vosskamp im Studio Wetter und Verkehr vorgelesen hat. Köfer ist seit 1990 bei ihm Stammgast im Haus des Rundfunks. Und vorher? „Ich bin Berliner. Da kannte man Henning Vosskamp, auch im Osten.“ Der sei auch live nicht auf Manuskripte angewiesen und bei diffizilen Themen nie trocken.

Prompt ist dann im Studio erst mal großes Hallo, als Köfers hineinschreiten. Vosskamp mutmaßt am offenen Mikro, dass die junge Heike der Grund dafür ist, dass der alte Herbert sich so gut gehalten hat. Lautstark ermahnt er den Hund, nicht an die Technik zu pinkeln. Lachen, Onkelwitze, Kumpelton, Geplauder über Köfers neues Buch. Und plötzlich – man weiß gar nicht so schnell, wie – geht es darum, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht. So was sei Strategie, sagt der Radiomann später. Die Gäste mit Späßen und Schmeicheleien einzulullen und dann eine kritische Frage abzuschießen.

On Air wird das Spiel mit Distanz und Nähe nur noch morgen Abend zu hören sein: da läuft Henning Vosskamps letzter „Talk am Sonntag“.

Angefangen hat der 1943 geborene Charlottenburger beim Sender Freies Berlin als lockere Sprüche klopfender junger Wilder. Der gelernte Schauspieler gehörte zu den Gründungsmoderatoren von S-F-Beat, einer ab Ende der Sechziger schwer angesagten Jugendsendung. Davon schwärmt er immer noch. „Wir hatten eine Botschaft“, sagt der mit Sakko, weißem Hemdkragen und blondiertem Haar inzwischen gutbürgerlich anzusehende Henning Vosskamp. Berlins Jugend bewegen, sie politisch mündig machen, für Lehrlingsrechte kämpfen und, und, und. Dafür ließ er sich von der Polizei auch mal in Handschellen abführen, verkloppen oder beim Ostermarsch Pisspötte über den Kopf gießen. Wie bitte? „Ja, die kippten die Arbeiter in Wedding aus dem Fenster!“

Der nächste Talkgast, Theaterintendant Claus Peymann, kämpfte auch schon in den Siebzigern. Und nach launigen Theaterplaudereien landen die beiden wie von selber bei der RAF und der ernsten Frage, ob politisch motivierter Mord gleich Mord ist. Wäre das Rotlicht nicht, könnte man glauben, die beiden säßen in einer Altintellektuellenkneipe.

Wie Peymann Moderator Vosskamp findet? „Netter Kerl“, gackert der aufgekratzte Intendant, „so wie ich. Und meine Leute sagen, er ist eine Institution“. Das finden auch die Radiohörer, die beim RBB am Telefon oder in Internetforen Vosskamps Pensionierung betrauern. Bis zu 25 Minuten lange Gespräche, die keine Musik unterbricht, dürften mit ihm aussterben. Und auch seine ganz spezielle Duzerei.

Moderator Vosskamp ist seit den Siebzigern mit ganz Berlin per Du. Von der „Perle in der Technik“, bei der er sich am Ende der Sendung mit altmodischem Moderatorencharme bedankt, bis zum Regierenden Bürgermeister. Der nennt ihn übrigens „Vossi“. Das Duzen diene dazu, Barrieren abzubauen, meint Vosskamp, der seinen Gästen bei laufender Sendung auch gerne sagt, dass er sie liebt. Das sei dann, als spräche man mit Freunden. „An der Klarheit kritischer Fragen ändert das gar nichts.“

In 4000 Sendungen des Musik- und Kulturmagazins „Guten Abend Berlin“ hat Theaterfreak Vosskamp die komplette Kulturszene der Stadt doppelt und dreifach live ausgefragt. Und in zahllosen anderen Sendungen Popgrößen wie Mick Jagger, Elton John, The Who oder Paul McCartney. Der entpuppte sich damals in der Deutschlandhalle allerdings als seine größte Enttäuschung. „Nur furchtbar flaches Zeug hat er erzählt, und die Linda hat immer dazwischengekreischt!“ Welche Promis er verpasst hat? Keinen bis auf Loriot, Willy Brandt und Peter Ustinov. Der sei am Tag vorher gestorben.

Mit Liedermacher Reinhard Mey, seinem alten Schulfreund vom Französischen Gymnasium, will Vosskamp übrigens auch im Ruhestand weitertalken. Sonntagvormittags im Renaissance-Theater oder im Wintergarten. Da finden sich dann sicher auch Desirée Nick und die Geschwister Ursli und Toni Pfister wieder ein, die ebenfalls zur lustigen Plauderriege an Vosskamps vorletztem Sonntagabend gehören. Mit der Nick flötet und flaxt er spontan am Telefon, weil sie – live is live – den Termin verschusselt hat. „Eine Verrückte“, ruft er danach, als Musik läuft aus dem Studio, „aber herrlich.“

Unterhaltsam ist dieser unter großen Gesten und im Stehen aufgeführte Moderationsstil, neugierig und gelegentlich fast zu intim. Fast 40 Jahre trägt Henning Vosskamp jetzt öffentlich sein Herz auf der Zunge. Ob er damit auch seinen Teil zum Terror der Intimität beigetragen hat, der in endlosen Funk- und Fernsehtalks durch die Medien schwappt? Kann schon sein, nickt er nachdenklich. „Aber ich musste öfter mal die Sau rauslassen, sonst wäre ich erstickt.“

Der letzte „Talk am Sonntag“ mit Henning Vosskamp läuft morgen von 19.30 bis 22 Uhr auf Radio Berlin 88,8.

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