Auf ein GLAS mit : Ólafur Davídsson

Der isländische Botschafter ist bekennender Kuchenliebhaber - und geht besonders gern in das Café im Literaturhaus in der Fasanenstraße.

Daniela Martens
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Den Cappuccino würdigt Ólafur Davídsson zunächst keines Blickes. Er sieht nur das Stück Aprikosenstreusel, das die Bedienung ihm gerade hinstellt. Ungeduldig trennt er sofort eine Ecke ab, die größer ist als die Kuchengabel, balanciert das wackelige Konstrukt zum Mund. Auf halbem Weg kommt das Kinn der Gabel entgegen. So geht es schneller, bis der köstliche Geschmack die Zunge erreicht. Ólafur Davídsson, 66, ist der isländische Botschafter in Berlin – und bekennender Kuchenliebhaber. Während er kaut, breitet sich ein zufriedenes, verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht aus, es reicht bis in die Augenwinkel. So wird er an diesem Winternachmittag noch oft lächeln. „Eigentlich mag ich am liebsten irgendwas mit Schokolade oder Marzipan“, sagt er.

Hier im Café des Literaturhauses an der Fasanenstraße sei der Kuchen besonders gut, deshalb komme er gern hierher. Mit seiner Frau, oder mit Freunden. Zum Beispiel mit jenen, die aus Island zu Besuch sind. Ja, können er und die anderen Isländer sich den Kuchen denn trotz des Zusammenbruchs der isländischen Banken durch die Wirtschaftskrise noch leisten? Davídsson lacht, nicht über die Krise, unter der sein Land besonders leidet, sondern über die Frage. Ihn persönlich habe es nicht so getroffen. Und auch seine Freunde kämen noch nach Berlin.

Spürt man zurzeit einen Unterschied zur Atmosphäre in den Cafés in Reykjavik? Dort würde man auch drinnen merken, dass es draußen windiger sei: „Hier bewegen sich die Bäume ja gar nicht“, sagt er und lächelt schelmisch. Man sieht ihm an, dass er genau verstanden hat, dass die Frage nicht aufs Wetter, sondern auf die Wirtschaftskrise abzielte. Aber nein, er habe keinen großen Unterschied festgestellt, als er im Dezember zuletzt dort gewesen sei. Auch wenn natürlich viel über die Krise gesprochen werde.

Davídsson sitzt an einem Tisch auf der großen Veranda des Literaturhauscafés, die fast ein bisschen wie ein Gewächshaus wirkt. Zwischen Korbstühlen und blütenweißen Tischdecken streckt ein riesiger Ficus seine schlanken Zweige bis unters Glasdach. Durch die Scheiben sind überall die winterlich kahlen Bäume draußen zu sehen. Drinnen ist es wohlig warm, man sitzt dennoch mitten in dem kleinen Park, der das Literaturhaus umgibt. „Das hier ist eine Oase in der Stadt“, sagt Davídsson. Auch „die lockere Athmosphäre“ gefällt ihm. Und dass die Leute, die hierher kommen, so unterschiedlich sind. Außerdem sei er ein Fan deutscher Literatur. Sein Deutsch ist fast akzentfrei. Mit 15 verbrachte er zum ersten Mal die Sommerferien in Deutschland, studierte später Volkswirtschaft in Kiel und Heidelberg. „Die ersten zwei Semester habe ich statt Wirtschaft zu lernen den gesamten Brecht gelesen.“ Doch dann drehte sich sein Leben lange nur noch um die isländische Volkswirtschaft: Davídsson war Direktor des Nationalen Wirtschaftsinstituts, Staatssekretär und Vorsitzender der „Finanz- und Entwicklungsgesellschaft Islands“. Gibt es Leute, die ihn für die Krise mitverantwortlich machen? Er antwortet freundlich, aber mit vielen Worten ausweichend. Immerhin hat er die Wirtschaft schon 2005 verlassen, seitdem ist er Botschafter in Berlin und auch noch für Bulgarien, Polen und Kroatien „seitenakkreditiert“. Andere isländische Botschaften seien schon „eingespart“ worden, sein Posten ist aber zu wichtig, um ihn abzuschaffen – trotz des Geldmangels. Natürlich versuche auch seine Botschaft zu sparen. Bei Einladungen zum Beispiel. Aber nicht am Kuchen. Daniela Martens

Café im Literaturhaus, Fasanenstraße 23, Charlottenburg, Tel. 882 54 14, täglich geöffnet von 9.30 bis 1 Uhr

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