Auf ein GLAS mit : Xavier Niodogo

Daniela Martens

An dieser Stelle zeigt uns jeden Monat ein interessanter Berliner sein Lieblingslokal. Heute: Xavier Niodogo, 53, Botschafter von Burkina Faso in Berlin.

Monsieur Niodogo trinkt gern Tee. Am liebsten ganz allein im „Wiener Caffeehaus Neu Westend“ am Steubenplatz. Er liebt es, nach der Arbeit an einem der Tische in dem verspiegelten Raum zu sitzen und die Menschen zu beobachten. Manchmal kommt er auch am Wochenende vorbei.

Xavier Niodogo ist aber kein Einsiedler. Er freut sich, seinen Beobachtungsposten mit jemandem zu teilen. Im eleganten Einreiher kommt er auf die Minute pünktlich – und fühlt sich, als sei er zu spät gekommen, weil er nicht vor seiner Gesprächspartnerin dort war. Er entschuldigt sich mit einem charmanten Lächeln und ordert den gewohnten Tee. Man kann sich vorstellen, dass der elegante, sehr dunkelhäutige Botschafter mit der runden Brille bei den meist älteren Gästen des Caféhauses für Gesprächsstoff sorgt. Immer wieder würden sich kleine Gespräche ergeben, sagt er: „Alle sind immer sehr freundlich.“ Dabei spricht er kaum Deutsch. „Mir fehlt die Zeit, um die Sprache zu lernen.“ Mit Französisch komme man bei den Berlinern leider nicht weit, also versucht er es auf Englisch. „Viele haben noch nie etwas von Burkina Faso gehört“, sagt Niodogo. Die Älteren wüssten aber oft etwas mit „Obervolta“ anzufangen. So hieß das westafrikanische Land zur Kolonialzeit.

Niodogo sagt, er denke gerade hier im Café beim Anblick der vielen älteren Gäste oft über einen bestimmten Unterschied zwischen Berlin und Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, nach. „Bei uns leben ältere Menschen immer mit ihrer Familie zusammen, hier bleiben sie allein.“ Die Vorstellung gefällt ihm nicht besonders. Dabei wirken die grauhaarigen Gäste im Caféhaus ziemlich glücklich. Das Lokal ist eine eigentümliche Mischung aus Bäckerei, Cocktailbar und Café. Zuerst kommt die Kuchentheke mit den Tortenkreationen, dann der große runde Tresen, dahinter beginnt der große Gastraum mit runden Bänken – alles ist pastellfarben oder aus dunklem Holz. Gesamteindruck: plüschig, aber gleichzeitig geometrisch- kühl. Der Raum erinnert an das Bordcasino eines Kreuzfahrtschiffes. Niodogo bestellt einen Apfelstrudel. Und erzählt vom Essen in seiner Heimat. Vom Hirsebrei „Tô“ und dem Hirsebier „Dolo“. „Früher habe ich meiner Mutter beim Brauen zugeschaut“, sagt Niodogo. In Burkina Faso können das fast alle Hausfrauen. Das deutsche Bier jedoch findet er gewöhnungsbedürftig, trinkt es nur zu offiziellen Anlässen. Er bleibt lieber beim Pfefferminztee. Daniela Martens

Wiener Conditorei & Caffeehaus Neu West End, Reichsstraße 81, werktags 7.30–20 Uhr, am Wochenende 9–19 Uhr.

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