Stadtleben : Auf Nudel-Nachbarschaft

Zum dritten Mal lädt der Verein Lange Tafel zum großen Spaghetti-Essen nach Kreuzberg. Ein Erfolgsrezept fürs Kiezleben

Agnes Taegener

Eine 200 Meter lange Tafel, 516 Bänke, 300 Liter Tomatensauce, Spaghetti satt und vor allem eines: Gespräche. Das sind die Hauptzutaten der „Langen Tafel“, auf der heute zum dritten Mal im Bergmannkiez, zwischen der Zossener Straße und der Nostitzstraße, aufgetischt wird. Eine Erfolgsgeschichte mit Nachschlag: Auch am Kreuzberger Planufer und am Maybachufer werden zwei Tafeln stehen.

„Früher galt ja: Man soll beim Essen nicht reden“, sagt Isabella Mamatis, Veranstalterin und Vorsitzende des Vereins Lange Tafel. „Doch hier gilt genau das Gegenteil: Sitz beim Essen und unterhalte dich! Lass es dir gut gehen!“ Die Einladung zu Tisch richtet sich heute von 12 Uhr bis 16 Uhr an jeden, der vorbeikommen und an dem Kultur- und Kommunikationsprojekt teilhaben möchte.

So einfach das servierte Gericht ist – die Vorbereitung ist aufwendig. Denn die Lange Tafel ist mehr als nur ein kulinarisches Großereignis/Mittagessen für Massen. Die Gastgeber sind Schüler der 6., 7. und 8. Klassen der Grund-, Real- und Hauptschulen sowie die Gymnasien in den Kiezen. Insgesamt nehmen neun Schulen an dem Projekt teil, die Charlotte-Salomon-Grundschule, das Leibniz-Gymnasium und die Ferdinand-Freiligrath-Oberschule sind im Bergmannkiez dabei. Sie haben im Vorfeld über zwölf Wochen in Workshops das theoretische Rezept fürs große Mahl erarbeitet: Idee der Langen Tafel ist es, Jung und Alt und damit auch gelebte Geschichte an einen Tisch zu bringen. Anhand einer Zeitleiste, die Regisseurin und Schauspielerin Mamatis mit den Kindern erarbeitet hat, sollen sich die Kinder im Ethik-Unterricht ihre persönlichen Fragen zur deutschen Geschichte ab der Zeit des Ersten Weltkrieges stellen. Besonders beschäftigt hat die Schüler, wie das Leben im geteilten Berlin war, wenn ein Teil der eigenen Familie auf der anderen Seite der Mauer wohnte, erzählt Mamatis. Auch die Zeit des Hungerwinters 1946/47 habe bei den Jugendlichen viele Fragen und Anteilnahme geweckt. Auf der Straße, in Seniorenheimen oder Wohnstiften befragten die Schüler Zeitzeugen, die zur Langen Tafel eingeladen wurden.

„Anliegen der Langen Tafel ist, dem Monolog der digitalen Kommunikation den persönlichen Austausch der Generationen entgegenzustellen. Die Kinder verstehen sich oft besser mit der Großelterngeneration als mit ihren Eltern“, sagt Isabella Mamatis. „Von den Kindern höre ich oft: Ich habe gar nicht gemerkt, wie alt meine Gesprächspartner sind – und das Gefühl gehabt, sie gehören zur Familie.“

Aus den Gesprächen ist eine Chronik mit 275 Geschichten entstanden, die an einer Wäscheleine längs der Langen Tafel aufgehängt wird. Im Laufe des Nachmittags werden dann die gesammelten Berichte fliegen gelassen, damit die „gelebte Geschichte“ so viele Menschen wie möglich erreicht. Verloren gehen sollen die Erinnerungen aber nicht: Das Kreuzberg-Museum gibt die Geschichten auch als Buch heraus. Nach dem Essen werden die Schüler mit ihren Gästen selbst entworfene Spiele zur deutschen Geschichte spielen, „Ich flieh’ über die Berliner Mauer“ heißt eines davon, das in Anlehnung an den Klassiker „Mensch ärgere dich nicht“ entstand.

Das große Gemeinschaftsmahl soll die gute Nachbarschaft fördern. Dass es klappt, zeigt schon die Vorbereitung: Von lokal ansässigen Sponsoren werden die komplette Biertischgarnitur, die Servierwagen und die Tischdecken bereitgestellt, Spaghetti und Sauce kommen vom Schulcatering „Schildkröte“. „Die Sponsoren sind auf uns zugekommen“ sagt Isabella Mamatis begeistert. „Das Ganze ist ein absolut unkommerzielles Ereignis. Niemand hat ein Interesse, dass andere Leute Geld ausgeben.“ Nur Teller und Besteck müssen die Teilnehmer an der Tafel selbst mitbringen. Agnes Taegener

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