Aufbruch West : Ernst-Reuter-Platz soll schicker werden

Bislang war die Gegend um den Ernst-Reuter-Platz ein Hort der Tristesse. Mit dem Umzug der Staatsoper ins Schillertheater soll sich das ändern.

Christian van Lessen

Wenn Jürgen Flimm, der künftige Intendant der Staatsoper Unter den Linden, nächstes Jahr mit seinem Haus wegen Umbaus vorübergehend ins Schillertheater an der Bismarckstraße zieht, will er die Gegend dort „aufmischen“. Die „Exilanten“ möchten frischen Wind verbreiten, denn die „einst so tolle Ecke“ wirke müde.

„Flimm hat recht“, sagt Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD). Sie veranstaltet regelmäßig öffentliche „Kiezspaziergänge“, einige beginnen am Ernst-Reuter-Platz, führen Richtung Moabit, zur Technischen Universität, auch zum Bahnhof Zoo. Immer gab und gibt es viel zu erzählen über die Historie. Als es mal gen Westen, in die Bismarckstraße ging, gab es nur zwei Ziele: Schillertheater und Deutsche Oper. Als wären es Inseln im städtischen Nichts.

263501_0_988e2544.jpg

Die Gegend definiert sich vor allem durch bauliche Langeweile. Sie streift den Ernst-Reuter-Platz, den ältere Berliner noch als „Knie“ kennen. Sie berührt ein Stück der Hardenberg- und der Schillerstraße, erhascht sogar einen Hauch vom Alt-Charlottenburger Charme der Knesebeckstraße mit dem Renaissance-Theater. Ums Schillertheater herum aber leeren sich die Bürgersteige, Bismarck- und Leibnizstraße bis hin zur Otto-Suhr-Allee sind keine tolle, sondern eine ziemlich tote Ecke. Ein „Kiez“ ist das nicht. Die Leiterin des Charlottenburger Heimatmuseums, Birgit Jochens, ärgert sich hier über „miserable Architektur“.

Die Gegend ist vom sozialen Wohnungsbau der ersten Nachkriegsjahrzehnte geprägt. Die Bezirksverordneten-Versammlung will nächste Woche über Anträge beraten, zumindest den Vorplatz des Schillertheaters zu „verbessern“. Nach drei Jahren Staatsoper könnte auch die Komische Oper im Haus spielen. Das stillgelegte Schillertheater bekommt jedenfalls bald richtig zu tun. Die Bezirksbürgermeisterin wünscht sich, das Theater könne „kultureller Anker“ für das Viertel werden, mit einem dauerhaften Impuls für die Ansiedlung von allem, was die Kunst so mit sich bringt – also Gastronomie, Läden, Leben.

Daran fehlt es hier, an Anziehungskraft, an dem gewissen Etwas. Statt Charisma gibt’s „Carisma“. So heißt das Bistro-Café an der Leibnizstraße Ecke Otto-Suhr-Allee. Wirtin Margot Kossack findet die Gegend auch zu müde, zu schläfrig. „Sie müsste aufgeweckt werden. Stadtbummeln macht hier keinen Spaß“, sagt sie und wünscht sich, dass es vielen Passanten doch Spaß machen könnte vorbeizukommen. Früher sei hier alles hochherrschaftlich gewesen, weiß sie von einigen älteren Gästen. Kriegsbomben zerstörten die alte Pracht.

Das Café Keese an der Bismarckstraße oder das Theaterlokal „Schillerklause“ gehören zu den festen Ankerplätzen, auch die „Tribüne“ schien Wurzeln geschlagen zu haben. Aber an der Otto-Suhr-Allee fiel Ende Dezember der letzte Vorhang des Privattheaters. Im Schaukasten erinnert noch immer ein Hinweis auf den traurigen Abschied nach fast 90 Jahren. Das Gebäude steht leer, angeboten werden stilvolle Büroflächen. Neben dem Neubau der Scientologen gibt es sogar noch eine große Brachfläche. An der Leibnizstraße fällt ein leeres Bürohaus auf, die Bundesbank daneben wirkt wie eine Trutzburg. Rundherum stehen schmucklose Geschäftshäuser, angegraut und mit viel Leerstand. Das einst stolze Gebäude des Gerling-Konzerns wirkt angeschlagen, ist verschlossen. Zwei Firmen bitten die Kunden auf einem Türzettel, sie mögen anrufen, man hole sie ab. In den Häusern nebenan werden Computer, Erotika und Autozubehör verkauft. Es gibt eine Bankfiliale, vor das frühere Telefunken- und heutige TU-Hochhaus zwängt sich eine Tankstelle. Am Platz selbst, dem größten der Stadt, stehen zur Hardenbergstraße hin etagenweise Büros leer, ein Hochhaus fällt besonders durch seine dreckigen, blau getönten Scheiben auf, der Eingang Ernst-Reuter-Platz 6 ist versperrt und verdreckt. „Hier können Sie Druck machen“, wirbt ein Geschäft daneben.

Das leere achtstöckige Gebäude an der Ecke Schillerstraße wird gerade zum Leben erweckt. Die Veranstaltungsagentur „CBE“ bezieht vier Etagen. „Wir hoffen, Schwung in die Ecke zu bringen“, sagt Projektmanagerin Franziska Fritsche.

Birgit Jochens vom Heimatmuseum erinnert an die „tolle Ecke“, die es hier wirklich einmal vor gut 100 Jahren gab. Damals besaß die Gegend, ausstrahlend vom „Knie“, einen sehr guten Ruf in der Stadt. Die Berliner Straße, spätere Otto-Suhr-Allee, war ein Nobelviertel, Familie Siemens wohnte hier, auch bekannte Bankiers wie die Bleichröders. Die Technische Hochschule siedelte sich hier und nicht in Mitte an, was als Tribut an den guten Ruf der Gegend verstanden wurde. Bis in die zwanziger Jahre entwickelte sich das Hochschulviertel, die Wissenschafts- und Kunstszene strahlte weit in die Bismarckstraße mit dem neugebauten Schillertheater aus. Der Architekt und Baurat Ludwig Hercher wollte damals diese Straße mit Blumenschmuck sogar zur schönsten der Welt ausbauen.

Vielleicht küssen die „Exilanten“ um Jürgen Flimm das Dornröschen, das wie ein Aschenputtel wirkt, wach. Das kann schwierig werden, meint Birgit Jochens. Sie wünscht sich, dass in dieser Gegend wieder hochwertige Architektur entsteht. Sie erinnert auch an einen Beschluss des früheren Magistrats von Charlottenburg, der belebend wirkte. Danach sollte Schulkindern regelmäßig der Besuch des Schillertheaters ermöglicht werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben