AUFTRITT DER WOCHE : Dolomiten-Beatles auf Flachlandtour

 An diesem Montag spielen die Kastelruther Spatzen im Friedrichstadtpalast. Ihre Berliner Fans gelten als besonders treu

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Natürlich passt es überhaupt nicht, dass der Berliner Fanclub der „Kastelruther Spatzen“ seine Basis ausgerechnet in Marzahn hat. Hier wohnt Regina Matz, Hausfrau und engagierte Fanclubgründerin, die die Band wie alle Fans nur „die Spatzen“ nennt und den Sänger nur „den Norbert“. Wenn Regina Matz aus dem Fenster ihres Plattenbaus guckt, sieht sie Hochhaussiedlungen und ein bisschen Himmel, keine Spur von Blumenwiesen und Alpenpanorama, beliebte Topoi der Band-Texte. Hier im Problembezirk Marzahn bieten „Spatzen“-Songtitel wie „Die weiße Braut der Berge“ und „Und ewig wird der Himmel brennen“ ihren ganz eigenen, anderen Interpretationsspielraum.

Die „Kastelruther Spatzen“, die heute Abend im ausverkauften Friedrichstadtpalast auftreten, sind ein komisches Phänomen: Sieben gestandene Männer um Frontsänger Norbert Rier, die sich freiwillig als Spatzen bezeichnen, singen in grässlichem Ornament-Herrenwesten-Partnerlook völlig ironiefreie, eingängige Tiroler Schunkelschnulzen, die immer von schönen Mädchen, unerwiderter Liebe oder Alpenglühen, meist aber von allem gleichzeitig handeln. Die „Kastelruther Spatzen“ sind die Stars der definitiv uncoolsten aller Subkulturen, der Volksmusik. Und haben irrsinnigen Erfolg damit, viel mehr Erfolg als sich die meisten Künstler anderer Genres auf die Fahnen schreiben könnten: Die „Spatzen“ halten sich seit über 25 Jahren im rauen Musikgeschäft, haben über 15 Millionen Tonträger verkauft und räumen Preise ab wie kaum eine andere Musikformation. Vor einigen Tagen nahmen sie die „Krone der Volksmusik“ mit nach Hause. Beim deutschen Musikpreis Echo kann man die Rubrik „Volkstümliche Musik“ eigentlich auslassen, weil sowieso immer die „Kastelruther Spatzen“ gewinnen. Niemand hat mehr Echos als sie. 12 sind es mittlerweile, im März werden es wohl 13 sein.

Kein Wunder also, dass die „Kastelruther Spatzen“ längst auf den Spitznamen „Dolomiten-Beatles“ hören. Bis es dazu kam, war es ein langer Weg. Denn: Die Spatzen waren eigentlich eine Hobbymusikergruppe, aus Kastelruth selbstverständlich, die nur zur persönlichen Gaudi auf kleineren Wiesenfesten spielte und sich wunderte, als der Erfolg kam. Und die deswegen anfangs auch gar nicht auf den Gedanken kam, dass der Name vielleicht albern wirken könnte. Mittlerweile ist Kastelruth auch wegen der „Spatzen“ die beliebteste Ferienregion Südtirols, Fans pilgern zum eigenen „Spatzen“-Fest, das jährlich mehr als 50 000 Besucher hat. Trotzdem sind die Musiker das geblieben, wonach sie auch aussehen: bodenständig. Jeder übt noch einen zweiten Beruf aus, der eine betreibt ein Hotel, ein anderer ist Landwirt, ein Dritter arbeitet im Getränkegroßhandel der Eltern. Koksskandal bei den Spatzen? Ukrainische Prostituierte in der Garderobe? Undenkbar!

Die Live-Tour der „Kastelruther Spatzen“ heißt „Ein Kreuz und eine Rose“. Berlin ist ein Highlight, weiß Fanclub-Gründerin Regina Matz. Weil hier die Echo-Verleihung stattfindet und die Fans so treu sind. Und das vielleicht deswegen, weil es in besonders tristen Umgebungen am leichtesten fällt, sich in besonders sehnsuchtswürdige Idyllen hineinzusingen. Klar, dass der 80-köpfige Fanclub geschlossen zum Konzert im Friedrichstadtpalast auflaufen wird.

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